Von Bett und Bad und guten Freunden

Das Bett verrutschte immer mehr. Nicht nur quer durchs Zimmer. Das Bettgestell, in grauen Vorzeiten gezimmert, rutschte außerdem auf dem darunter befindlichen Bettgestell herum. Schwer vorstellbar, ich weiß. Wahrscheinlich gibt es auch noch Fachwörter für Bettgestellteile, aber ich bin kein Zimmermann, und ich war es nicht, der das gezimmert hat.

Wahrscheinlich war es auch kein Zimmermann, da hat einfach einer mal drauflosgeschreddert, und etwas Rumrutschiges ist dabei rausgekommen.
Und dann die Matratze: Ich rechnete jede Nacht damit, morgens mit einer sich durch die Matratze hocharbeitenden Sprungfeder in der Halsschlagader aufzuwachen. Falls man da noch mal aufwacht.

Eigentlich bin ich ein bisschen geizig. Darum hatte ich diese billige, möblierte Wohnung genommen. Weil da ein Bett drinstand. Die anderen Möbel hatte ich niemals gewollt. Der Orientteppich warf so einige Fragen auf, und das schwarze 80er-Jahre-Wohnzimmerregal mit spitz zulaufender Glasvitrine in der Mitte war grenzwertig. Es erinnerte mich an einen Grabstein. Die künstliche Rasenfläche auf dem Balkon hielt ich für eine der größten Verfehlungen in der Balkongestaltungsgeschichte überhaupt. Es gab dreiundzwanzig Häkeldeckchen, einen ausladenden und glasperlenbehangenen Kronleuchter sowie ein vergoldetes Servierwägelchen.

Ein neues Bett musste her. Und da kann man sich ja auch vergrößern. Ich ging also von 90 cm auf 1,60 m in sieben Wochen. Die Tür ging nicht mehr so gut auf, aber die konnte man ja aushängen und woanders hinstellen.
Aber ohne Tür, und wenn ich mich weiterhin an meine Diät hielte, würde ich auch in Zukunft zwischen Wand und Bett vorbei ins Zimmer gelangen können. Immerhin hatte ich den einzigen Balkon im ganzen Haus. Und der war nur zu erreichen, wenn man es am Bett vorbei durchs Schlafzimmer schaffte. Stolz blickte ich nach oben in einen blauen, freien Himmel, während die Bewohner über mir neidisch aus dem Fenster guckten.

Diätplane hatte ich beim Einzug auch gleich für meine Freunde und Bekannten erstellt. Das war eine Menge Arbeit gewesen, denn ich hatte echt einen großen Freundes- und Bekanntenkreis gehabt. Wir sind abends oft was Trinken gegangen, haben am Mainufer Picknick gemacht und bei Guido im Hof fette Bratwürste gegrillt.
Mit geschickten, psychologischen Tricks habe ich es geschafft, diese Gewohnheiten zu ändern. Statt Bier und Wein hab ich reines Quellwasser angeboten, und am Mainufer haben wir entdeckt, wie schön man da joggen kann. Guido bekam ein Trampolin. Wenn man erst mal anfängt, sich sportlich mehr zu betätigen, dann kommt der Rest wie von selbst. Die Diätpläne hab ich einfach hier und da immer mal wieder so ganz nebenbei einfließen lassen. Viktoria und Michel bekamen zweimal täglich aufschlussreiche Literaturtipps von mir zugeschickt.

Man musste einfach schlank und drahtig sein, wenn man mein Bad benutzen wollte. Es handelt sich hierbei um so ein schlauchartiges Ding mit einer Art Pissgelb als Kachelfarbton, an dessen Ende das Klo grenzt. Reinkommen ist nicht das Problem, die Tür hat eine normale Breite – darum ist sie auch noch dran. Die Schwierigkeiten beginnen erst, wenn man es bis zur Toilettenschüssel schaffen möchte. Es ist nicht einfach, an der Badewanne vorbei zu kommen. Als Mann kann man dann einfach im Stehen pinkeln. Aber wer nicht schlank genug ist, bleibt dann beim Umdrehen zwischen Badewanne und dem Ding an der Wand stecken. Ohne das Ding hätte man als dicker Mann ja einfach seitwärts wieder zurückgehen können, den Bauch über die Badewanne hängend bis kurz vor die Tür. Aber das Ding ließ sich nicht entfernen, ohne die Wand zum Flur durchzubrechen.

Mittlerweile kommen eh nicht mehr so oft Leute zu mir. Wie schon gesagt, hatte ich durchaus mal viele Freunde gehabt. Manchmal lebt man sich aber auch einfach auseinander, das muss man dann auch akzeptieren können. Das hat ja nicht zwangsläufig was mit einer zu schmalen Passage zur Kloschüssel zu tun. Nur Guido hat rumgemosert, dass er auch gern mal aufs Klo gehen würde. Er trinkt einfach zu viel Cola.

Robert hat sich nicht so angestellt. Er hat mich besucht, um bei mir mit mir zusammen zu kochen. Das haben wir früher mit gepflegter Regelmäßigkeit so gemacht. Normalerweise kamen dann später noch Viktoria und Michel, die mochten Roberts Essen und meinen Wein. Robert kann ja gut kochen. Er hat mit Öl, Knoblauch und so hantiert, ich habe die Spagetti abgegossen. Alles so wie immer, nur dass er halt aus der Küche raus musste, weil ich vom Herd nicht an ihm vorbei zur Spüle kam. Dabei ist das Öl in der Pfanne zu heiß geworden, weil ich mit dem Topf wieder zurück zum Herd musste, wo sollte ich den Topf sonst abstellen?

Dann war er in der Küche und ich im Flur. Mir fiel ein, dass ich ja den Wein schon entkorken könnte, also musste er wieder raus und ich rein. Ich hatte den Korken schon halb draußen, als mein Blick auf den Diätplan fiel. Ich erkannte, dass Wein viele Kalorien hat, und ließ ihn erst mal hinter uns auf der Arbeitsfläche stehen. Dazu verstrickte ich Robert geschickt taktierend in ein Gespräch über zu viel Fett im Essen. Wir hatten einen kleinen Disput, aber er sah das mit dem Fett dann ein. Wir brieten diesmal die Spaghetti nicht in Öl und Knobi an. Sowieso war ja mittlerweile schon der halbe Knoblauch verbrannt.

Wir hatten dann noch einen anderen kleinen Disput, in dem es um das geplante mit Käse überbackene Sahne-Gemüse ging, aber ich will jetzt nicht so ins Detail gehen. Ich musste dann eh wieder aus der Küche rausgehen, damit er ans Gewürzregal drankam. Das Dumme war nur, dass er sich in meiner Küche umdrehte, was man in meiner Küche ebenso wenig tun darf wie in meinem Bad, und so kam es, dass er die Weinflasche umstieß, die es schaffte, zwischen ihm und der Arbeitsfläche den Boden zu erreichen, um dort zu zerschellen.

Wir hatten uns immer ziemlich gut verstanden, an diesem Abend aber war die Stimmung dann leicht gereizt. Das lag vielleicht irgendwie an Viktoria und Michel. Sie kamen noch während wir den Wein vom Boden aufwischten, d. h. Robert wischte allein und ich nahm den beiden schon mal den Nachtisch ab, wobei ich nebenbei kurz ausführte, wie viele Kalorien eigentlich in Tiramisu stecken.

Auch fand ich es nicht so schlimm, dass es keinen Wein gab - wussten Sie eigentlich, wie kalorienreich Alkohol ist? Zum Glück hatte ich den Kühlschrank voller Diät-Limonade. Unglaublich, was es da alles gibt: Meeresbrisen-Geschmack oder mit so einem Hauch Zitronenblüten oder was. Ich machte von allem eine Flasche auf und freute mich schon, zu sehen, wie die verschiedenen Buketts mit den hauchfein gepfefferten Spagetti und dem gedünsteten Gemüse harmonierten. Michel hatte plötzlich was am Magen und wollte nach Hause.

Eigentlich hätte ich wenigstens mit Robert und Viktoria gerne noch etwas gequatscht, z. B. hatte ich mehrere Zeitschriften eingekauft mit Schlankmacherrezepten, über die ich mit ihnen diskutieren wollte. Leider musste Michel aber von beiden Seiten gestützt werden, als er die Wohnung verließ.

In den nächsten Monaten hatte ich viel Zeit. Wann immer ich Lust hatte, staubte ich die Blätter meiner Grünpflanzen ab oder sortierte alle meine Bücher, im Mai nach dem Alphabet, im Juni nach der Größe und schließlich nach der Farbe. Zunächst erfreute ich mich der Gesellschaft der Spinne, die sich in der Küchenecke noch immer nicht regte. Dann habe ich mir einen kleinen Laptop gekauft, mit dem ich mich gelegentlich zum Balkon durchkämpfte. Im Internet kann man wirklich alles Mögliche finden! Sogar neue Freunde. Innerhalb der verschiedensten Chatrooms habe ich viel gelernt von meinen neuen, magersüchtigen Freunden.

Glücklich chattete ich also tagaus tagein, blickte hoch in den blauen Himmel und lauschte dem Gurren der Tauben in der Dachrinne über mir. Bis dann eine riesige Taubenausscheidung von oben ungehindert durch alle nicht-vorhandenen Balkone direkt auf meinem Laptop landete und das System verätzte.

Der Zeitpunkt umzuziehen, war gekommen. Ich suchte mir eine Wohnung, in der die Küche von zwei Personen gleichzeitig betreten werden kann.
Allerdings musste die alte Wohnung nun wieder mit den inzwischen im Keller stehenden Möbeln rückmöbliert werden. Und dafür brauchte ich reale Freunde. Freunde, die anpacken konnten, weil sie fettige Würstchen aßen, Tiramisu mochten und Wein tranken und die wussten, wie man fragwürdige Bettgestellteile zusammensetzt und ein grenzwertiges 80er-Jahre-Wohnzimmerregal mit in der Mitte spitz zulaufendem Glasvitrinenbauteil wieder aufstellt.

Ich besorgte Würstchen und ausreichend Wein, dass es auf die eine oder andere heruntergestoßene Flasche nicht ankommen würde und lud sie alle zu einer Grillfeier ein. Als sie wieder bei Kräften waren, haben sie dann losgelegt.

....hat mir gut gefallen...

....hat mir gut gefallen... die Spinne verdient noch mehr Aufmerksamkeit!

Habe den Text letzten

Habe den Text letzten Samstag gehört (von Robert vorgelesen) und finde ihn wirklich gut, liebe Grüße, A.

Das Problem mit der Diät

Das Problem mit der Diät kenn' ich. Muss Winterglühwein und Plätchen jedes Frühjahr mit unzähligen Joggingrunden büßen. Dabei heißt es doch Einsicht sei der erste Weg zur Besserung. Was ist aber, wenn trotz Einsicht dasselbe Verhalten immer wieder auftritt? Lieber doch den Spatz des Glühweins und der Spekulatius-Kekse hier und heute in der Hand, als die Taube einer ranken Gestalt in ferner Zukunft, meint Eure Helga.

Wow, ein gut

Wow, ein gut "funktionierender" Text, ich habe stellenweise sehr lachen müssen - richtig Slapstick, das mit dem Küchengekoche! Dürfen deine Freunde jetzt wieder aufs Klo gehen?