Vögeln für's Karma

Seit kurzem bin ich ein transzendentaler Mensch. Mein Name ist Thorsten Gundelbach, ich bin alleinstehender Single und von Beruf Schalterbeamter bei der Bahn, ich bin 44 und lebe seit meiner Geburt in Quakenbrück, zusammen mit meiner Mutter. Mein aufregendstes biographisches Erlebnis war,
als ich betrunken mit meinem Kopf gegen eine Straßenlaterne gelaufen bin. Aber dann, vor vier Wochen, kam der Tag, der mein Leben transzendierte.

Es war morgens und es klingelte an der Tür, und als ich öffnete, erblickte ich draußen drei Personen. Zwei davon ähnelten riesigen Orang-Utan-Affen. Sie waren in irgendwelche feuerroten Vorhänge gehüllt. Die dritte war eine abgetakelte alte Vettel mit wirrem Haar. Sie zeigte mit dem Finger auf mich und fuchtelte dabei herum.
„Ist er das?“, fragte einer der Orang Utans.
„Ja, das ist er, das ist er! Ich weiß, dass er es ist!“, schrie die Alte.

Schöne Scheiße, dachte ich, dann packten mich die Orangs. Sie schleiften mich die Treppen hinunter, wo sie mich in ein schwarzes Containerfahrzeug warfen und von innen die Türen schlossen. Ich hatte nicht mal das Stück Käsebrötchen hinunter geschluckt, das ich mir beim Türöffnen noch in den Mund geschoben hatte.

Die Orangs begannen, mich an Händen und Füßen zu fesseln, während die alte Vettel sich gegenüber setzte.
„Ich kenne Sie doch gar nicht“, sagte ich zu ihr. Sie fixierte mich mit stechendem Blick.
„Tu nicht so!“, zischte sie. „Du weißt genau, was du getan hast, und jetzt wirst du dafür bezahlen! Ich konnte mich damals auch nicht wehren!“
Die Orangs grinsten breit.

Dann stieg ein Mann mit einer Mütze auf dem Kopf zu, und die Fahrt ging los. Der Mann unter der Mütze stellte sich als Ulrich Weingärtner vor. Er war Rück- und Zusammenführungstherapeut und erläuterte die Lage. Ich hatte zwar die arme Irre mit dem wirren Haar noch nie zuvor gesehen, aber wenn ich nichts falsch verstand, hatten ich und sie eine Art Paarbeziehung.
Weingärtner seufzte schwer, bevor er anfing, die wesentlichen Aspekte dieser Beziehung anzusprechen.

„Ist Ihnen bewusst“, fragte er mich, „was es emotional für Ulrike“, er deutete auf die Alte, mit der ich eine Paarbeziehung hatte, „bedeutete, als Sie sie so behandelt haben, ohne jedes Mitgefühl, ohne Respekt, ohne Achtung?“
Ich schüttelte stumm den Kopf; mein Herz gefror mir in der Brust, während Weingärtner sprach.
Ich war immer ein gesetzestreuer Mensch gewesen, und mein schlimmstes Verbrechen hatte sich ereignet, als ich im Supermarkt mal vergessen hatte, meine Plastiktüte zu bezahlen. Aber das hier war kein Scherz, so viel war klar. Die meinten es ganz ernst.

Wie mir der Rück- und Zusammenführungstherapeut Ulrich Weingärtner erklärte, war ‚Ulrike’ in einem ihrer früheren Leben, im Mittelalter, als Hexe verurteilt und verbrannt worden. Das war unangenehm. Noch unangenehmer war, dass ich damals dabei gewesen war. - Als einer von den Fackelträgern, die den Scheiterhaufen entzündet hatten.

„Aber wieso ich?“, rief ich. „Warum soll das ich gewesen sein?“
„Haben Sie nachts manchmal Träume, in denen Feuer vorkommt?“, fragte Weingärtner.
„Scheiße“, sagte ich.
„Sehen Sie?“, sagte Weingärtner. „Und jetzt werden Sie das wiedergutmachen.“
Der Wagen hielt vor einem alleinstehenden Haus auf einem Feld, und die Orangs zerrten mich in einen verliesartigen Keller. Sie werden mich doch nicht verbrennen wollen?, dachte ich.

Die Festsetzung der Buße war Ulrike überlassen worden, die allerdings im Mittelalter unter anderem Namen gelebt hatte. Sie hatte sich während der Therapiesitzungen zu spüren versucht und erklärte, meine Schuld sei folgendermaßen zu sühnen: Sie würde mich vor laufender Videokamera beschimpfen und dabei in der Reiterposition vögeln. Währenddessen müsse ich rufen:
„Oh verzeihe mir, Anastasia von Lethian, meine Königin der Nacht!“, nach ihrem dreizehnten Orgasmus auf einem Besenstiel mit ihr durch den Himmel reiten und das Hexeneinmaleins singen. Das Ganze würde außerdem auf der Internet-Seite www.karma.de live übertragen werden. Ich war froh, dass es nicht wehtun würde (wenigstens im Vergleich zum Tod auf dem Scheiterhaufen) und fügte mich in mein Schicksal. (Seitdem träume ich sicherheitshalber nicht mehr von Feuer.)

Einige Zeit später entstieg ich (zusammen mit zwei riesigen, in rotes Tuch gewickelten Rückzusammenführungsgehilfen) einem schwarzen Containerfahrzeug und ging mit ihnen auf den Hauseingang auf der anderen Straßenseite zu. Ich hatte bei Ulrich Weingärtner mit einer eigenen Rückzusammenführung begonnen.
Die Idee war mir gekommen, als ich zum ersten Mal diese kleine schnuckelige blonde Blumenverkäuferin heimlich bis zu diesem Hauseingang verfolgt hatte. Gleich beim ersten Mal, als ich sie gesehen hatte, war sie mir ... irgendwie ... vertraut erschienen, und ich war mir sicher, ihr früher ... schon einmal begegnet zu sein.

Ich weiss nicht so recht,

Ich weiss nicht so recht, ich war zwar live dabei als gewisse Straßenlaternen in das Leben des Autoren getreten sind, aber das das ganze dermaßen traumatisiert...
Eigentlich, bei der Menge der von Laternen angerempelten Mitbürgern in diesem unserem Lande müssten sämtliche therapeutischen Einrichtungen überfüllt sein. Oder werden die mittlerweile unterirdisch gebaut, und alle Gerüchte das wir Deutschen aussterben sind bar jeder Grundlage, man sieht seine Mitmenschen nur nicht mehr, ausser man ist ein Maulwurf?

Das Unterirdische brauchen

Das Unterirdische brauchen wir nicht, Riker; unser Irrenhaus ist bundesweit und oberflächlich - wir nennen es "Gesellschaft", "Zivilisation" oder "Wirtschaftsstandort" ... vielleicht wehren sich die Straßenlaternen ja nur?

Hier geht`s doch nicht um

Hier geht`s doch nicht um Hexenverbrennung oder Vergewaltigung - hier geht`s um abgedrehten Beziehungsstress und andere Psychosen. Gute Satire. Danke.

Vielen Dank, thanikema! Klar

Vielen Dank, thanikema!

Klar geht's weder um Hexenverbrennung noch um Vergewaltigung; vielleicht sollte ich beim nächsten Mal einen Einschub voranstellen: "Achtung-Achtung - es geht im Folgenden nicht um ..."

;-))

.....fröhliche, flott

.....fröhliche, flott erzählte, schmunzelige feine Satire zu einem Thema, das vermutlich geradezu Satiren herausfordert.

kommt dann in der nächsten

kommt dann in der nächsten folge eine besonders witzische schilderung zur vergewaltigung der schnuckligen blonden blumenverkäuferin? vielleicht sollte der autor mal über eine therapie nachdenken?

Anmerkung: Der Autor denkt

Anmerkung: Der Autor denkt nicht über eine Therapie nach. Er schreibt seine Texte seit 1983 in seiner Einzelzelle in der geschlossenen Abteilung der Nervenheilanstalt München-Haar.

Ich finde es scheiße dass

Ich finde es scheiße dass sich hier über die Hexenverbrennung lustig gemacht wird, die Hexen waren ungerecht verbrannt!

Herr Reitz, ich dachte

Herr Reitz, ich dachte immer, in früheren Leben wäre man mindestens Cleopatra, Napoleon, ein wichtiger Magier oder König oder eine Zauberin oder Attila der Hunne gewesen ... und Sie waren nur ein schnöder, unbedeutender Fackelträger?

Unbedeutender Fackelträger?

Unbedeutender Fackelträger? Das war ein weiter Weg für mich! Ich habe mich mühsam durchgekämpft über die Stationen: "Stabbakterie"- "Enteralmilbe"- "Mikromere" - "Fliegenmade" und "Sumpfsuhlkröterich"!

Ich dachte evolutionär

Ich dachte evolutionär kommt die Kröte NACH dem Mann?!

Der heutige "Mann" ist

Der heutige "Mann" ist vermutlich evolutionär überhaupt nicht mehr zu erklären ...

Was ist denn überhaupt noch

Was ist denn überhaupt noch evolutionär zu erklären??
Das Bundesfinanzministerium?
Die Deutsche Hausnummernschildverordnung?
"Deutschland sucht den Superstar"?
Oder erklären Sie mal: Dirk Bach? Evolutionär ...