Sie haben meinen Tee umbenannt

Im allgemeinen Wellness-Wahn haben jetzt auch ganz profane Beuteltees sehr esoterische Namen bekommen. Mein Lieblingstee zum Beispiel heißt "Momente der Melancholie". Jedenfalls hieß er noch so, als wir uns kennenlernten, und auf der Packung war ein melancholischer Chinese abgedruckt, der in gebeugter Haltung über einer Teetasse vor sich hin sinnierte.
Vielleicht sinnierte er über die vergangenen Zeiten, in denen Tees noch "Pfefferminztee" hießen oder "Hagebuttentee" oder vielleicht noch, wenn das Teebenennungskreativteam einen ganz verwegenen Tag hatte, "Kräuterteemischung mit Bratwurstaroma". Diesen glorreichen Puristentagen trauert der melancholische Chinese auf der Packung nach. Er trauert verhangenen Blickes, denn seine Augen sind trüb geworden vom ewigen Studium der Beutelteepackungen.

Man weiß ja nicht, welch wilde Mischungen enthalten sind in einem Beuteltee, der "Momente der Melancholie" heißt. Da muss man schon die Schachtel achtmal hin- und herdrehen, bis man die in unscheinbarem Schriftgrad gedruckte Beutelteezutatenliste entdeckt hat und herausfindet, dass melancholischer Tee aus so leckeren Gemengseln wie Kakaobohnen, süßen Brombeerblättern, Kardamom und schwarzem Pfeffer seine Traurigkeit bezieht und empfehlungsweise mit Milch geschlürft werden soll. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich werde angesichts solcher Aussichten ganz gegen meine eigentliche Natur gänzlich unmelancholisch und trage freudig eine Schachtel Trauertee nach Hause, um warmes Wasser mit Schokoaroma und Kondensmilch in mich einzufüllen.

An dieser Stelle sollte ich mich vielleicht bei den Teekennern unter Ihnen entschuldigen, weil ich über Beuteltees mit Kondensmilch fabuliere und Sie evenuell dadurch veranlasst habe, in Ihren zweimal aufgegossenen Grüntee zu erbrechen. Ich muss bekennen, den edlen Genüssen des Lebens gegenüber eine gänzlich unkultivierte Haltung an den Tag gelegt zu haben. Aber ich finde, das ist noch lange kein Grund, so mit mir umzuspringen, wie es das Beutelteebenennungskreativteam der Firma Meßmer sich erlaubt hat. Das Beutelteebenennungskreativteam hat nämlich meinen Lieblingsbeuteltee einfach umbenannt, und ich habe wochenlang vorm Teeregal in meiner Stammdrogerie gegreint, bis ich gemerkt habe, dass "Momente der Melancholie" nicht aus dem Programm und somit aus meinem freudlosen Leben verschwunden ist, sondern seit neuestem "Momente der Versuchung" heißt!
"Momente der Versuchung"!

Ja, da kommt man sich als Endverbraucher doch verhohnepiepelt vor! Da leidet doch die Glaubwürdigkeit der Beutelteeindustrie! Wie will man mir als Beutelteekonsumenten denn glaubhaft erklären, dass exakt diesselbe Beutelteemischung, die mich bislang in Melancholie versinken ließ, mich nun auf einmal zum Versuchungsluder macht? Da weht einem doch gleich der üble Ruch der Unseriosität aus der Teeschachtel entgegen, auf der jetzt auch kein trübsinniger Chinese mehr aufgedruckt ist, sondern eine Dame, die ein Schleifchen auf dem Haupte trägt und ein Tablett mit zwei Teetassen vor ihren dicken Titten. Die Dame grinst auch schon ganz lüstern nieder auf die Teetassen, deren Dunst sich im Bildhintergrund um eine Gartenbank kräuselt, auf der die Dame wahrscheinlich in wenigen Minuten mit dem Gärtner wilden und hemmungslosen Geschlechtsverkehr ausüben wird, nachdem sie ihn mit derselben Kakaobohnen-Pfeffer-Teemischung willenlos gemacht hat, die vor einigen Wochen noch Chinesen in Trübsal versinken ließ!

Nein, liebe Beutelteebenennungs-Kreativteammitarbeiter, mit dieser Beutelteeumbenennung haben Sie der Industrie, die Sie vertreten und die Ihnen sicherlich auch ein nicht eben mickriges Gehalt für Ihre kreativen Beutelteebenennungen bezahlt, einen Bärendienst erwiesen, dessen Folgen ungeahnte Ausmaße annehmen können. Denn nicht nur ich zähle ja zur großen Masse der Genussignoranten. Auch Steffi Graf gehört dazu. Steffi Graf war neulich im Werbefernsehen zu beobachten, wie sie in verschiedenen Lebenssituationen verschiedene Beuteltees mit so doofen Namen wie "Zeit für Energie" oder "Zeit für Harmonie" schlürfte und dazu energisch sprach: "Ich will selbst entscheiden, wie ich mich fühle."

So. Und nun stellen Sie sich mal vor, Steffi Graf wird zu einer Beerdigung eingeladen. Weil Steffi Graf selbst entscheiden will, wie sie sich fühlt, und sich zu diesem Zwecke mit dem entsprechenden Beuteltee dopt, steht sie morgens kopflos vor ihrem Beutelteeregal, von dem sie wahlweise energisch, harmonisch, glücklich oder fit wird, und will sich aber melancholisch fühlen, weil es bei Beerdigungen als unfein gilt, energisch, glücklich oder fit daher zu kommen. Dann sagt Andre Agassi zu ihr: 'Mensch, Steffi, geh doch mal eben nach Rossmann, da haben sie doch diesen Melancholie-Tee im Angebot.' Andre Agassi weiß noch nicht, dass der Melancholie-Tee jetzt geil auf Gärtner macht, aber die Verkäuferin bei Rossmann weiß, dass "Momente der Melancholie" jetzt "Momente der Versuchung" heißt, und so nimmt das Unheil seinen Lauf.

So wenig wie ein Junkie erst die Packungsbeilage liest, bevor er sich Heroin spritzt, so wenig studiert Steffi Graf die Teeschachtel, bevor sie selbst entscheidet, wie sie sich fühlt. (Natürlich weiß ich, dass man zu Heroin gar keine Packungsbeilage dazu bekommt, weil Junkies die eh nicht lesen würden, und ich finde, uns sollte die Tatsache zu denken geben, dass selbst Heroindealer mehr Verstand haben als Beutelteebenennungskreativteams.) Und bei der Beerdigung reißt sich Steffi Graf die Klamotten vom Leib, rennt aus der Kirche und poppt den Friedhofsgärtner auf der nächsten Bank.
Und wenn das passiert, dann soll keiner daher kommen und sagen, ich hätte nicht davor gewarnt, dass das passieren könnte.

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Foto: H. Hoppe

Bin gerade zum ersten Mal

Bin gerade zum ersten Mal auf diese Seite gestoßen und bin begeistert. Lange nicht so gelacht; super!

Ja, der ist sehr gelungen.

Ja, der ist sehr gelungen. Jetzt hab ich mir auch die anderen von Bianca mal richtig durchgelesen - echt super, skuriller und stärker als die Sachen von Kaminer! Hier sind ja einige starke Sachen aber du bist eins der Juwele :-)))

WOW!!! Was ein Text, echt

WOW!!! Was ein Text, echt klasse. Hab sehr gelacht. Manche Leute können einfach echt schreiben! Da bleibt mir nur eines zu fragen: Bianca, willst Du mich heiraten?

Dem stimme ich zu ;-)))

Dem stimme ich zu ;-)))

Die Autorin hat einen sehr

Die Autorin hat einen sehr guten Text erstellt. Gut in den Fokus geraten ist die Täuschung der Kunden mit Verpackungs- und Werbungsstreusand in die Augen. Und dabei kommt im gegebenen Text der Humor nicht zu kurz. Herrlich ist die logische Zuendeführung des Vorigen bis hin zur Parkbank und einer (ausnahmsweise nicht tennisspielenden) Frau Steffi Graf. Bonus!

Der Text ist super. Richtig

Der Text ist super. Richtig totgelacht habe ich mich aber über den Kommentar von Newtiy: DAS ist großes Kino! DAS ist Goethe, Schiller und Brahms in einem! Wow! Also wirklich: WOW! Haha! Äh! HAHA!?! Ich habe das Gefühl, ich muss dafür eine neue Gehirnwindung anlegen. Melde mich später wieder, falls die Erleuchtung wider Erwarten ausbleibt!

Ratlosigkeit hat mich

Ratlosigkeit hat mich erfasst. Der obige Kommentator, Nikolai, erwähnt, er habe sich nicht nur über den Text, sondern auch über meinen Beitrag amüsiert, er spricht von einer neuen Gehirnwindung und Erleuchtung (bzw. deren Ausbleiben), versäumt es aber meines Erachtens, dies auch zu begründen, so dass es unmöglich ist, seine Intention zu verstehen.

OK, ich versuche es in

OK, ich versuche es in wenigen Worten: Der Text der Autorin ist locker, sehr humorvoll, komplizierte Worte werden sehr witzig verwendet. Ein guter, einfallsreicher, aber kein bahnbrechend innovativer Text. Dein Kommentar dazu ist dagegen nüchtern, trocken, er verwendet auch kompliziertere Worte, aber nicht humorvoll, sondern zumindest dem Schein nach sehr gewissen- und ernsthaft. Er wirkt so, als wäre er von einer Lehrerin geschrieben, die einen Schulaufsatz beurteilt und dabei sprachlich ansprechend präsentierte Pointen nüchtern und jeglichen Reizes beraubt wiederholen zu müssen meint. Gleichzeitig disqualifiziert sich diese Lehrerin aber aufgrund des eigenen Sprachgebrauchs selbst: wer Humor und Rafinesse im Umgang mit Worten beurteilt, sollte ein Minimum davon selbst mitbringen. Dadurch prallt der Kommentar wie ein Gummiball von dem tollen Text ab, er scheint fehl am Platz, ist aber gleichzeitig so verfasst, als wäre er sehr genau abgewogen worden. Und das wiederum erzählt spannende Geschichten über den Verfasser des Kommentars, dessen Geisteszustand, dessen Einstellung zur Welt. Und hier macht es irgendwann und irgendwo TILT: zu viele Möglichkeiten, was der Kommentar bezweckt, keine einzige sinnvoll erscheinende Erklärung für Ort und Anlass des Erscheinens! Und das wiederum hat für mich ohne jegliche erkennbare Absicht seitens der Kommentarverfasserin bewusstseinserweiternde Nebenwirkungen. Danke dafür!

Habe der Kommentator, dessen

Habe der Kommentator, dessen ausführliche Beweisführung oben durchaus danach klingt, als wäre er den bewusstseinserweiternden Erfahrungen (oder wie er es nennt: Nebenwirkungen) gegenüber weit geöffnet, den Namen Nikolai Djarov?

Ja!

Ja!

Na hi Nikolai, viele Grüße

Na hi Nikolai,

viele Grüße nach Augsburg! Schön, von dir zu lesen!

Grüße zurück in die

Grüße zurück in die unbekannten Weiten!