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Viva la revolución!
Das Fernsehen ist voll mit schweren Kindheiten. Wohin man auch zappt, überall stieren einem apathische fette Frauenwracks entgegen, die nie genug Liebe, Geborgenheit und Zuspruch erfahren durften und nun ihre traumatischen Erfahrungen an ihre Kinder, Haustiere, Gärten und Wohnungen weiter geben und viel Verwilder- und Verwahrlosung verursachen.
Das macht aber nichts. Denn was ganze Heerscharen von Sozialarbeitern, Familienfürsorgern und Erziehungshelfern in jahrelanger zermürbender Arbeit nicht zuwege bringen: RTL und seine Senderklone schaffen's in einer knappen Dreiviertelstunde pro Abend, inkl. Werbepausen. Wo immer stinkende Sümpfe sozialen Elends sich auftun, da ist flugs eine von einem Kamerateam umwölkte dekorative Kompetenzdame vor Ort und macht auf Knopfdruck alles wieder gut, und des Herrn Beuys' Prophezeiung erfüllt sich auf unheilvollste Weise, denn es kommt ein jeder mal ins Fernsehen. Wenn auch nicht als Star für einen Tag, sondern eher als Schwarzes Loch für einen Abend, als lebende Antithese zum Entertainment.
Brauchte es früher noch spaßige Holländer, israelische Besteckverbieger und pudelbewehrte Trällertrios, um als unterhaltsam eingestuft zu werden, so ist es heute unerlässlich, nichts zu können. Das perfekte Schwarze Loch in der Abendunterhaltung ist weiblich, um die dreißig, übergewichtig und mit einer verlotterten Wohnung, einem bissigen Köter und sieben Kindern ausgestattet, von denen drei zur Zeit im Heim sind, weil Mama wegen ihrer Alkoholsucht auch einfach überfordert ist.
Dann kann sogleich die komplette Armada der medialen Lebenshilfemafia anrücken: Die Superhausfrau streut Kaffeepulver auf die verkrusteten Kochplatten, damit sie beim Abtragen der Schimmelschichten nicht im Gestank das Bewusstsein verliert, die Ökotrophologin präsentiert der angewiderten Nation stolz die Menge Fett in Butterpäckchen, die die Familie pro Woche in sich rein stopft, die Tiernanny scheppert mit der Rütteldose dem Köter hinterher, und die Supernanny (im Gegensatz zur Tiernanny, die bloß von ihr abgekupfert ist, bringt sie den kleinen Menschlein Gehorsam bei) malt erstmal goldene Regeln auf schöne bunte Pappplakate.
Die darf die Familie dann schon mal in der ausgemisteten Küche bei von der Ökotrophologin geschnitzten Paprikaschnitzen gemeinschaftlich vorbeten (der Köter pieselt derweil eingeschüchtert von der R¬ütteldose still und heimlich die Ecken voll): "Keiner darf den anderen HAUEN, wir benutzen KEINE Schimpfworte, wir RESPEKTIEREN ..."Apropos TIERE: Die erschöpfte Superhausfrau hat soeben das Hundegepiesel in der Ecke entdeckt und kloppt dem Köter den Scheuerlappen um die Ohren. Das bringt die Tiernanny in Rage, und sie nennt die Superhausfrau dumme Sau. Die Supernanny gemahnt an Goldene Regel Nummer Zwei: "Wir haben doch gesagt, wir benutzen KEINE Schimpfworte."
Die Kinder tanzen auf dem Tisch, trampeln die Paprikaschnitze zu Mus und singen dabei "Dumme Sau, dumme Sau." Dafür kriegen sie von der beleidigten Ökotrophologin erstmal eine geballert. Die Supernanny, etwas hilflos, verweist auf Regel Nummer Eins: "Aber wir haben doch gesagt, keiner darf den anderen HAUEN!" "Die doofe Superhausfrau hat den Hund gehauen!" kreischt die Tiernanny. Die Kinder singen: "Hau die Sau, hau die Sau!" und werfen mit Paprikamus nach der Ökotrophologin. Die Tiernanny lässt sich das nicht zweimal sagen und drischt der Superhausfrau die R¬ütteldose auf die Birne.
Die Supernanny kann das Klugscheißen immer noch nicht lassen und spricht: "So können die Kinder ja auch keinen RESPEKT lernen, wenn wir ihnen das nicht vorleben!", worauf die Tiernanny zum Köter spricht: "Fass!"Der Köter hat bereits gelernt, was Gehorsam ist, und verbeißt sich in die Supernanny. "Blutflecken immer nur mit kaltem Wasser behandeln." stöhnt die Superhausfrau und schleppt sich in Richtung Bad, wobei sie bemüht ist, aus ihrer Platzwunde am Kopf nicht auf den Teppich zu bluten.
Im Bad hat die Mutter gerade ihre letzte vor der Ökotrophologin gebunkerte Pulle Foffo aus der Toilette hervorgezogen und erzählt nun der Superhausfrau, wie ihre schwere Kindheit sie dem Alkohol in die Arme trieb. Die Superhausfrau hört aber nicht zu, weil sie bewusstlos geworden ist und nun doch auf den Fußwärmflausch vor der Kloschüssel blutet. Draußen im Flur tanzen derweil die Kinder um die zerfleischte Supernanny herum und singen fröhlich: "Kau die Frau, kau die Frau!", nachdem sie die Ökotrophologin im Backofen erstickt haben. "Keine langen Sätze." kritisiert die Tiernanny. "Immer nur kurze, knappe Befehle." "Fresse." sagen daraufhin die Kinder und verschleppen die Tiernanny in den Stillen Keller, wo sie von den Acht- bis Zehnjährigen an die Heizung gefesselt und vom Dreizehnjährigen vergewaltigt wird.
Angesichts der langsam außer Kontrolle geratenden Situation entschließen sich die begleitenden Kamerateams zum Eingreifen: Sie benachrichtigen Bärbel Schäfer, die umgehend mit einem weiteren Kamerateam anrückt, um der gebeutelten Familie medienwirksam "Zurück ins Leben" zu verhelfen. Das Publikum hat zu diesem Zeitpunkt aber schon genug und freut sich, dass das eigene traurige kleine Leben doch noch nicht beschissen genug ist, um im Fernsehen zu kommen.
Ist doch cool das alles,
Ist doch cool das alles, schön zurücklehnen mitm Bier in der Hand und den Kranken zusehen, wie sie sich gegenseitig fertigmachen!
Nicht nur das Fernsehen ist
Nicht nur das Fernsehen ist voller schwerer Kindheiten. Auch die Linie 83, mit der ich morgens zur Arbeit fahre. Hollywood brächt's nicht besser hin, Fräulein Tewes.
Liebe Frau Tewes, damit
Liebe Frau Tewes, damit haben Sie den Nagel mit einem Schlag im Holz versenkt. Ich will übrigens auch ins Fernsehen und wüsste gern, ob meine Geschichte ausreicht:
Als Kind hat mich meine Mutter täglich dazu benutzt, den Küchenboden aufzuwischen, was an sich okay gewesen wäre, wie mein Therapeut sagte - wenn sie mich danach nicht jedesmal ausgewrungen hätte und zudem alle vier Wochen bei 90 Grad gekocht, um "die Bakterien abzutöten". Seitdem kotze ich beim Anblick von Küchenböden automatisch alles voll und versuche die Gastgeberin in die Waschmaschine zu stopfen.
Tut mir leid, aber meines
Tut mir leid, aber meines Wissens läuft diese Reihe bereits unter dem Titel "Sponge Bob" auf Super RTL.
Aber Frau Tewes, bei mir ist
Aber Frau Tewes, bei mir ist es noch masochistischer als bei Sponge Bob. Weger meiner Berufswahl. Da muss sich doch was machen lassen? Ich arbeite in einem Center für Kücheneinrichtungen und bin ins Grübeln gekommen ... ist es wirklich so, dass die frühe Kindheit unser ganzes Leben determiniert? Die Berufs- und Partnerwahl? Die Vorliebe für bestimmte Fernsehprogramme? Die Phantasie, meinen Arbeitsplatz mit einer Motorsäge in ein 5000-Teile-Puzzle zu verwandeln?
Nun, das hat natürlich ein
Nun, das hat natürlich ein gewisses Potenzial. Ich würde es mal als Format "Sponge Bob Chainsaw Massacre - The Late Show" den Verantwortlichen bei RTL anbieten (und meinen Arbeitsplatz im Campingladen als Ersatzdrehort, wenn Sie mit dem Ihren fertig sind.)
Liebe Frau Tewes, in meinem
Liebe Frau Tewes, in meinem tiefsten verborgenen seelischen Inneren wusste ich, dass es Hoffnung gibt. Gern trage ich beim Kaputtmachen ein Sponge-Bob-Kostüm. Ich schlage vor, nach der Verwüstung der Küchen- und Campingläden zu den anspruchsvolleren Plagen der Menschheit vorzurücken: OBI-Baumärkte, MEDIAMÄRKTE, SCHLECKERMÄRKTE (die es dreimal verdient haben) und SATURN-HANSA-Filialen. Wann gehts los?