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Viva la revolución!
Ich verlasse die Frankenallee und biege in die Straße ein, in der ich wohne. Auf der rechten Seite parken die Autos und eines davon ist ein wackeliger, roter Kleinbus, dessen Beifahrertür zum Gehsteig hin offen steht und vor der ein kleiner, hässlicher Mann steht, aus dem ein ordentlicher Strahl Urin auf die Straße spritzt. Er blickt sich zu mir um und furzt und stöhnt,
und als ich keine fünf Sekunden später meine Wohnungstür aufschließe, knurrt zwar mein Magen, doch der Appetit ist mir vergangen. Es war wirklich netter gewesen, auf dem Land zu wohnen, wo die Menschen noch ein gewisses Schamgefühl aufbringen konnten und von Toiletten wussten. Außerdem hasse ich diese Wohnung hier, schon das Gespräch mit der Vermieterin war eigentlich fragwürdig gewesen. „Was arbeiten Sie denn?“ „Ich unterrichte Deutsch an der Volkshochschule.“ Nach ein, zwei Worten zu ihrer Freundin, die auch dabei war: „Und an welcher Schule nochmal sind Sie?“ „Ich unterrichte an der Volkshochschule.“ Sie redete wieder mit ihrer Freundin, doch dann hatte sie doch noch eine wichtige Frage: „Wo arbeiten Sie?“
Heute weiß ich, dass ich an dieser Stelle einfach zurück in das Dorf hätte gehen sollen, zurück ins oberletzte Dorf, nach Oberdorfelden. Hier im Gallus ist nicht nur keine richtige Verständigung mit Leuten möglich, die rein formal die gleiche Sprache sprechen wie man selbst, sondern man versteht die meiste Zeit überhaupt nichts, man weiß nicht mal sicher, um welche Sprache es sich handelt, oder ob es sich um eine Sprache handelt. Da hab ich durchschnittlich eine höhere Wort-versteh-Quote gehabt, als ich mal für einige Monate in Spanien gelebt habe. Und was für eine große Wohnung ich in Oberdorfelden hatte! Und hell, ein großer Balkon, alle meine Pflanzen gediehen prächtig, jetzt ist die Hälfte tot. Ich hatte mich dort wohl gefühlt. Ich war so richtig auf dem Land gelandet!
Energisches Klingeln an meiner Tür bringt mich zurück in die Frankfurter Realität. Einen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, nicht da zu sein. Ich erwartete niemanden! Allerdings habe ich mit dem Nicht-da-sein auch schon so meine Erfahrungen gemacht. Wenn man im Erdgeschoss wohnt und zur Straße hin und so, dann muss man sich schon auf den Boden werfen und unter den Tisch kriechen, wenn man nicht da sein möchte, sonst sehen sie einen von draußen, insbesondere diese Telefonanbieter sind hartnäckig, wenn sie einmal geklingelt haben, dann bleiben sie vor der Tür stehen und spähen einem ins Wohnzimmer hinein und winken und so, bis man dann aufgibt und aufmacht. Da muss man schon einen langen Atem haben und sich darauf gefasst machen, sich für eine Weile nur noch kriechend durch seine Wohnung zu bewegen und dafür fehlen mir heute die Nerven.
Durch die Sprechanlage bringe ich ein knatschiges „Ja?!“ zum Besten. „Einmal aufmachen, bitte!“ Fast hätte ich einmal aufgemacht, denn ich dachte: Gott, die Bullen! „Wer ist denn da?“ „Ich möchte Ihren Telefonanschluss prüfen!“ Er sprach schnell und mit mehreren Ausrufezeichen. Hä? Wenn es die Polizei war, hätten sie dann nicht „Polizei“ geantwortet? Und überhaupt, warum einmal aufmachen? Wenn Aufmachen an sich schon schlimm genug war, wo kamen wir dann hin, wenn man jetzt auch noch eine Mengenangabe beim Aufmachen einfordern konnte!? Einmal, zweimal, dreimal aufmachen, und wenn einer ganz frivol war und hundertmal aufmachen verlangte, na danke, dann war man aber erstmal beschäftigt.
Natürlich war auch in Oberdorfelden nicht immer alles nur schön gewesen, doch wenn dort jemand unaufgefordert geklingelt hatte, dann konnte ich sicher sein, dass es sich um keinen spontanen Freundschaftsbesuch handelte, denn im Dorf selbst kannte ich ja niemanden und alle meine Freunde wohnten in Frankfurt, und niemand, der noch gut beisammen war, konnte auf die Idee kommen, mal eben kurz in der Nähe gewesen zu sein. Auch war es dort viel leichter gewesen, nicht da zu sein, zum einen war ich tatsächlich fast nie da gewesen, weil ich ja so viel Zeit mit dem Hin- und Herfahren sowie mit dem Warten auf nicht kommende Züge verbrachte, zum anderen musste ich nicht auf dem Boden kriechen, damit man mich von draußen nicht sehen konnte. Im Gegenteil, ich konnte mich ganz entspannt dazu beglückwünschen, nicht da zu sein, während ich die ungewaschene Glatze des Abgesandten vom Statistischen Bundesamt an der Tür unten beobachtete. Einige Stunden später allerdings hörte ich ihn dann oben vor meiner Wohnungstür mit den Füßen scharren. Wer hatte ihn unten reingelassen? Wollte er die ganze Nacht vor meiner Tür verbringen? Also eines musste man ihnen lassen, diesen Typen vom Statistischen Bundesamt, sie waren zäh.
Wahrscheinlich lag es auch einfach nur daran, dass er keine Lust hatte, noch ein weiteres Mal den ganzen Weg bis hierher zu fahren. Denn diese Strecke, diese absurde Strecke zwischen Oberdorfelden und Frankfurt, das Russisch Roulette von wegen kommt-der-Zug-heute-oder-kommt-er-nicht-? und wenn er nicht kommt, wie komm ich dann hier weg, weil es mit dem Auto noch schlimmer ist, ein Stau gleich hinter der Kurve bei Niederdorfelden bis nach Bad Vilbel und ganz durch Bad Vilbel und wenn man es bis auf die Autobahn geschafft hat, ist diese zwar frei, aber dann sind alle Zufahrten nach Frankfurt rein hoffnungslos verstopft. Man mag vielleicht irgendwann ankommen, doch dann ist man auf jeden Fall zu spät. Womöglich habe ich mich auch nur deshalb so wohl in der Oberdorfelder Wohnung gefühlt, weil der Weg nach Hause so langwierig und zweifelhaft war, dass ich einfach so froh war daheim zu sein, wenn ich denn mal dort angekommen war.
Jetzt sind meine Wege kurz und unkompliziert, ich nehme einfach mein Fahrrad, welches immer da ist, weil ich es in meiner Wohnung parke. Dafür klingelt es täglich an der Tür, nicht nur Telefonanschlüsse und Staubsauger wollen verkauft werden, sondern auch Pizza will mir zugeliefert werden. Entweder sind die Zulieferer alle Zwerge, die es nur bis an die unterste Klingel schaffen (das ist meine, weil ich ja im Erdgeschoss wohne), oder, was wahrscheinlicher ist und auch viel bedauerlicher, können sie alle nicht lesen. Lesen kann sowieso fast niemand im Gallus, wie es ausschaut. Zwar wird auch hier im Gallus diese kostenlose Zeitung ausgeliefert, womöglich aber nur pro forma, ansonsten bergeweise bunt bebildertes Werbepapier. Und natürlich diese Flyer für Pizza, Asia-Zeug und pipapo. Täglich muss man seinen Briefkasten leeren, sonst ist kein Platz für die normale Post. Also habe ich, um jegliches Missverständnis auszuklammern, ein Schildchen entworfen, das alles berücksichtigt: Keine kostenlosen Zeitungen, keine Werbung, keine Flyer.
Nun leere ich meinen Briefkasten morgens und abends: alles voller Zeitungspapier, Werbung, Pizza- und Asia-Flyer. Ich sollte hier nicht wohnen. Es ist ja nicht nur mein Briefkasten, der zugemüllt wird, auch die Straße. Zwar gibt es in keinem anderen Stadtviertel so viele Glascontainer und öffentliche Mülleimer wie hier, und dennoch liegt nirgends in der Stadt so viel zerbrochenes Glas auf den Radwegen und so viel Müll und Schleimauswurf auf den Gehwegen. Sollte man es mal schaffen, die Augen davor abzuwenden, ohne hineinzutreten oder zu –fahren, dann bekommt man Fußbälle vom Spielplatz gegen den Kopf, gefolgt von knarzenden Kinderstimmen: „Gibst du mir Ball!“ Und man möchte den Ball nehmen und ihn aufschlitzen, das Messer tief hineintreiben bis alle Eingeweide herausquellen, das würde vielleicht ein Zeichen setzen, oder wenigstens meine Nerven stabilisieren, jedenfalls bis zur nächsten Straßenecke, an der die Jugendlichen stehen und rauchen und heimlich ein Bier trinken und pöbeln: „Scheiß-Deutsche, he, scheiß-deutsche Frau...“
und ich weiß wohl, dass ich nicht antworten darf, dass ich gar nicht berechtigt bin, irgendwas zu sagen, denn ich bin ja wirklich eine deutsche Frau und welches Adjektiv jemand anderes davor setzt, spielt keine Rolle, ich bin ja selbst dran schuld, wieso zieh ich auch ins Gallus. Ich lasse die Jugendlichen hinter mir, doch nicht das Gallus, und gehe in meinen Klassenraum, in dem ich Leuten Deutsch beibringe und es herrscht das übliche unzivilisierte Tohuwabohu. Doch das erklärend zu beseitigen habe ich längst schon aufgegeben, mittlerweile schreie ich nur noch und schlage mit der Hand auf den Tisch und werfe mit kleinen, harten Gegenständen durch das Zimmer; sie wollen angeschrieen werden, denke ich dabei und vielleicht macht es mir ja auch Spaß, wenn ich diese marokkanischen Männer anbrüllen kann, ich fühle mich dann stark, wenn sie mich mit großen Augen anstarren und Jaja, und bitte, ok-ok, sagen, während sie sich ganz klein machen auf ihren Stühlen, vielleicht gibt mir das so ein bisschen den Ausgleich für die Auf-die-Straße-Pisser und zeitungsaustragenden Analphabeten und deren Kinder, die mir Bälle und Unflätigkeiten an den Kopf werfen, während ich doch einfach nur - schön hier wohnen wollte.
Davon träume ich schon lange. Woher hast du es...
Ich finde dich so romantisch - möchtest du mal...
;D weiter so...
Danke für diesen wunderbaren Artikel - auch ich bin...
... aber erst, nachdem sie von ihm gelernt hat,...
Ja, das mit dem Kloschaum ist so eine Sache....
Aber gerade von Michael Ballack könnten Sie das Nachtreten...