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Viva la revolución!
Weiß irgend jemand, warum der dritte Oktober zum Tag der Deutschen Einheit erkoren wurde? Ich muss bekennen, ich weiß es nicht. Eines Tages war er einfach so, schwupps, zum Feiertag ernannt, und bei Nachrichtenmagazinreporter-Umfragen zur Bedeutung des Dritten Oktobers in Fußgängerzonen präsentiert sich mit schöner Regelmäßigkeit das Volk in vereinter Ignoranz. Ich kann mich da leider nicht ausschließen, obwohl mir sonst der Ruf voraus eilt, auf Anfrage viel unnützes Wissen preisgeben zu können.
Vielleicht wusste ich es auch dereinst und habe es nur verdrängt, weil vor dem Tag der Deutschen Einheit sich alljährlich Schreckliches ereignet, nämlich mein Geburtstag. Wenn man vor einem Feiertag Geburtstag hat, kommt abends immer Besuch, selbst wenn man so ein garstiger Schrat ist wie ich, der einen minimalen Freundeskreis durch fortwährendes Ungeselligsein erfolgreich beinahe gegen null dezimiert hat. Abends bingbongt trotzdem die Türglocke, und besonders dickfellige und langjährig unvergraulbare Freunde purzeln mit Luftballons und Geschenken ins Kämmerlein, werfen die Katzen vom Sofa und erwarten, dafür auch noch mit Knabbereien und Getränken befüllt zu werden.
In diesem Jahr war es ganz besonders schlimm, denn ich wurde vierzig, was neben den abendlichen Unvergraulbaren auch noch Besuch von weiter her mit sich brachte, der am Feiertag vom Bahnhof abgeholt werden wollte. Eine ungeheuerliche Rücksichtslosigkeit, die mich nicht nur zwang, die Chipskrümel vom Vorabend vom Teppich zu saugen, nein, es musste auch im Kleinwagen inmitten der dort ansässigen Gummistiefel, Hundeleinen und Katzenkörbe Platz geschaffen werden für eine Dame samt Gepäck, und, Gipfel der Unzumutbarkeit, ich musste außerplanmäßig meine Wohnung verlassen!
Zu allem Überfluss musste ich bei penetrantem Sonnenschein einen langen Weg in die Nachbarstadt zurücklegen, denn mein eigenes Heimatdorf wird von ICEs schändlicherweise links liegen gelassen. Übellaunig am Bahnhof angekommen, informierte mich ein Schild an der Glastür darüber, dass ich im Begriff sei, einen rauchfreien Bahnhof zu betreten. Das erklärte zumindest die Zusammenrottung pöbelnden Puckvolkes auf dem Parkplatz hinter dem Bahnhof, wo man nicht dauernd von der Bahnhofspolizei beim nunmehr im Bahnhof ordnungswidrigen Rauchen gestört wird und vollkommen unbehelligt herumgrölen und andere Leute mit Bierdosen bewerfen kann.
Nachdem ich einen anhänglichen Pitbull vom Ärmel geschüttelt hatte, strich ich mir die Zigarettenkippen aus dem Haar, erklomm den Bahnsteig an Gleis neun und sank ermattet auf eine schöne freie Bank, die etwas abseits stand. Erst nach einigen Minuten fiel mir auf, dass die Bank offensichtlich für Leprakranke, Vegetarier oder sonstwie verschmähte Randgruppenangehörige reserviert war, denn man hatte sie mit einem gelben Viereck umpinselt, und wer dort saß (in diesem Falle ich), der wurde mit deutlichem Widerwillen beäugt.
Ich stand aber trotzdem nicht auf, um mich woanders hinzusetzen. Zum einen bin ich es gewohnt, widerwillig beäugten Randgruppen anzugehören, denn ich bin im Besitz eines stattlichen Stapels von Phillip-Boa-CDs. Zum anderen vertrete ich die Ansicht, hätte die Natur gewollt, dass ich mehr stehe oder gar laufe als sitze, dann wären meine Füße größer als mein Hintern. Dem ist eindeutig nicht so. Also blieb ich, wo ich war.
Nach einiger Zeit betrat eine stark gesichtsbemalte Dame in teurem Cashmere des gelbe Viereck um die Bank, auf der ich saß, maß mich mit vorwurfsvollem Blick und zündete sich eine Zigarette an. Jetzt ging mir ein Licht auf, und das ebenfalls gelb gepinselte Zigaretten-Piktogramm im gelb gepinseltem Viereck bekam schlagartig Bedeutung: Die Bank mit dem Viereck war so eine Art Raucher-Ghetto!
Das brachte mich gleich in einen Gewissenskonflikt, denn ich rauche gar nicht und war folglich nicht berechtigt, mich dort aufzuhalten. Andererseits neige ich dazu, mich als bekennender Phillip-Boa-Hörer mit anderen verfolgten Minderheiten zu solidarisieren. Wiederum andererseits hatte auf dem Schild am Eingang gestanden: Rauchfreier Bahnhof, obwohl doch dort korrekterweise hätte stehen müssen: Rauchfreier Bahnhof mit Rauchervierecken, in denen Nichtraucher nichts zu suchen haben. Inkonsequenzen und unkorrekte Beschriftungen kann ich überhaupt nicht leiden. Ich dachte eine Weile darüber nach, mich lauthals aufzuregen, entweder über die graphische Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen oder wahlweise über die typographische Irreführung krankenkassenunschädlicher Nichtausgegrenzter. Entschied mich aber, lieber das zu tun, was ich Zeit meines Lebens getan habe und was mich dort hingebracht hat, wo ich heute (zumindest in einem metaphorischen, will sagen: nicht physischen Sinne) stehe, nämlich einfach sitzen zu bleiben und apathisch vor mich hin zu starren.
Während ich so saß und starrte, kam eine weitere Dame, die pinkfarbene Haare hatte, einen schwarzen Ledermantel trug und eine Zigarette drehte. Obwohl die bereits in dem Raucherviereck enthaltene Dame gewandungstechnisch eine gänzlich andere Gesinnung vermuten ließ, entstand sogleich eine Solidarität, und man kam ins Gespräch, wobei die pink behaarte Dame einfach so draußen vor dem Viereck stehen blieb und Passivraucher schädigte.
Nun war ich gespannt. Jetzt musste doch etwas geschehen, das musste doch Konsequenzen nach sich ziehen. Vielleicht, so überlegte ich, würde gleich eine Raucher-Gestapo den Bahnsteig stürmen. Die Raucher-Gestapo wäre in eine schneeweiße Uniform gekleidet, trüge an den Füße beige Filzstiefel und auf den Köpfen rotierende Rotlichtkegel, und sie würden die pink behaarte Dame mit den Worten „Raucher-Gestapo, Sie sind verhaftet!“ ergreifen und sie in die finsteren Gewölbe der Bahnhofsmission verschleppen, wo sie mit Erbsensuppe gefoltert würde. Währenddessen würden zivile Schergen der Raucher-Gestapo das Gucci-Täschchen der im Raucherviereck verbliebenen Cashmere-Dame als Geisel nehmen und ihr drohen, das Täschchen ins Bahnhofsklo zu tunken, wenn sie etwas über den Raucher-Gestapo-Terror erzählen würde.
Stattdessen kam der verspätete Regionalexpress von Aachen nach Minden und danach der ICE von Köln nach ich-weiß-nicht-wo, die rauchenden Damen stiegen unbehelligt ein und mein kofferbeladener von-weit-her-Besuch aus, und ich konnte nicht mehr verfolgen, welch schlimme Folgen volksgesundheitsschädliches Tun außerhalb gepinselter Schädlingsräume nach sich zieht. Verdammt!
...coole Story, sehr schöne
...coole Story, sehr schöne Schreibe!