Neid!?

Neulich, mitten im heißen Sommer 2007, ließ einer meiner Nachbarn sich eine Klimaanlage montieren. Wir hatten es zufällig bemerkt, denn die Handwerker hatten uns zugeparkt.
Nun ist es so, es interessiert mich eigentlich nicht, was meine Nachbaren treiben.

Aber dieser Typ, der interessierte mich. Sehr! Florian, mein Sohn, parkte abends nach dem Training gemessene zwei Zentimeter vor der Einfahrt dieses Typen. Am nächsten Tag war er zugeparkt.
Vorne ein Kleinwagen.
Hinten ein Jeep.
Stoßstange an Stoßstange!

Der arme Bub hatte keine Chance pünktlich in die Schule zu kommen, also fuhr er mit dem Bus. Vier Tage lang blieb er eingeparkt. Am fünften Tag, als er nach seinem Corsa sehen wollte, bemerkte er hinter dem Vorhang des Nachbarhauses Bewegung. Da nahm er all seinen Mut zusammen und wollte gerade läuten, als die Tür aufging und Mann und Frau Nachbarn auf meinen Lieblingssohn zustürmten. Der nette Er-Nachbar, mit kindlichem Gemüt auf der Stelle hüpfend wie ein Karikaturrumpelstilzchen, schrie mit heiser kreischender Stimme: „Das ist kein Parkplatz, das ist kein Parkplatz. Was denkst du dir eigentlich, deine Rostlaube einfach in unsere Einfahrt zu stellen? Meine arme Frau konnte gar nicht zum Einkaufen fahren, weil sie nicht herauskam aus der Einfahrt. Das ist eine bodenlose Frechheit. Nächstes Mal lassen wir dich abschleppen!“

Von da an beobachtete ich den Kerl rund um die Uhr. Es war heiß. Wir schwitzten um die Wette. Er saß in seiner kühlen Wohnung. Er hatte eine Klimaanlage. Wir hatten dafür unsere Bibliothek. Wir suchten uns den Philosophen, Dramatiker und Politiker Lucius Annaeus Seneca aus, und nach der Lektüre einiger Seiten waren wir, obwohl es uns immer noch sehr heiß war, nicht mehr neidisch auf den Nachbarn und seine Klimaanlage.
Ein paar Tage später hat er den Kleinwagen seiner Frau gegen ein Cabrio eingetauscht und sie fuhren jeden Tag damit durch die Gegend. Aus dem getunten Luxusschlitten hörte man, natürlich in Großdisco-Lautstärke, aus der superteuren Anlage nur ooooooooiiiing ooooooooiiiing, UFFFTA UFFFTA UFFFTA und TAKKATAKKKATAKKKA, wenn sie auf zwei Rädern durch die Kurven schlitterten. Wir mit unserem 22 Jahre alten VW-Bus waren immer noch ohne Klimaanlage in Wohnung und Auto! Macht nichts, sagte ich mir, Geld macht nicht glücklich, aber Spinoza macht’s. Also las die ganze Familie aus seinem Hauptwerk „Ethik“.

Dann tauschte er den Jeep gegen einen Porsche. Wir lasen Platon. Über die Seele. Ich hoffte auf neue Erkenntnisse: Nach Platon ist die Seele das Prinzip des Lebens und damit unsterblich. Dabei unterscheidet Platon zwischen der Weltseele und der Einzelseele. Über die Seele der Nachbarn stand nichts. Wahrscheinlich hatte Platon 427 c. Christi noch keine gehabt. Mittlerweile tauschte der nette Mann den Porsche gegen einen Ferrari und lief nur noch in teuren Maßanzügen herum. Uns störte das nicht wirklich, wir hatten jetzt das Werk von Marcus Aurelius. „Es kommt nicht darauf an, über die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes dich zu besprechen – vielmehr ein solcher zu sein.“ (X, 16)
Das interessierte unseren Freund nicht sonderlich: Er tauschte seine brünette Frau gegen eine Blondine. Die war viel jünger und hübscher als die alte. Auto fahren konnte sie aber auch nicht. Ich hatte immer noch die alte Ehefrau. Sie konnte Auto fahren, wir hatten aber keines. Dafür hatten wir Arthur Schopenhauer: „Heiraten heißt das Mögliche thun, einander zum Ekel zu werden“ bzw. „seine Rechte zu halbieren und seine Pflichten zu verdoppeln“. Oder, noch etwas drastischer: „Heiraten heißt, mit verbundenen Augen in einen Sack greifen und hoffen, dass man einen Aal aus einem Haufen Schlangen herausfinde.“

Unseren Darsteller interessierte das alles nicht. Er kaufte seiner Schönen teuere Pelze, eine Harley und jede Woche ging’s in den Urlaub. Wir konnten uns keinen leisten, aber wir hatten ja Ersatz: Friedrich Nietzsche und dessen Theorie vom Übermenschen. Für Nietzsche ist das Ziel der Menschheit nicht in ihrem (zeitlichen) Ende zu finden, sondern in ihren immer wieder auftretenden höchsten Individuen, den Übermenschen.
Der Traum meiner schlaflosen Nächte legte sich Leibwächter zu, baute seine Villa aus und einen Pool ein. Wir verkauften währenddessen einige unser Bücher auf dem Flohmarkt und fanden an einem Stand Macbeth. Dessen Aufstieg zum König von Schottland, seine Veränderung zum Tyrannen und sein Fall erinnerten uns sehr an unseren Nachbarn, als er eines Morgens von der Polizei abgeholt wurde.Vergnügt schlugen wir Kishon auf und lasen Salomos Urteil, zweite Instanz, als wir ihn im TV sahen.

Es ging uns gut. Sehr gut sogar. Doch er kam frei. Es wäre uns ganz schlecht gegangen wenn wir nicht Ananda Kentish Coomaraswamy gehabt hätten. Dieser war ein bahnbrechender Historiker und ein Philosoph der indischen Kunst sowie der Kunstgeschichte und der Symbole in der asiatischen Kultur. Die Zeit verging, der Mann kaufte Häuser, Grundstücke, einige Yachten, ein Flugzeug und Autos, kurzum, alles was die Brieftasche hergab. Wir trösteten uns mit Thomas Mann, Günther Grass, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Fedor Dostojewski.

Das Duell war eng, aber ausgeglichen.
Eines Tages haben sie ihn wieder abgeholt. Diesmal mit Handschellen.Wir freuten uns und lasen zur Feier des Tages die Apokalypse (griechisch: αποκάλυψις, „Enthüllung“, „Offenbarung“), doch das Glück hielt nur zwei Wochen. Dann war er wieder frei. Seitdem sehen wir ihn auf sämtlichen Wahlplakaten in der Stadt. Er kandidiert für Die Linke. Angewidert haben wir uns unsere Bibliothek angesehen. Einmal, zweimal – sogar dreimal und diesmal genauer. Wir konnten es nicht glauben, aber wir hatten alle Bücher schon gelesen.
Unser ganzer Trost war dahin.
Und dann kam der Neid. Darauf leg ich einen Eid!

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