Mogelpackung Masturbation

Das Ende der Zivilisation ist nahe. Kritische Geister wie ich erkennen das daran, dass es überhaupt nichts Neues mehr unter der Sonne gibt. Wann hat man denn zum letzten Mal beim Anblick einer epochalen Erfindung gerufen: “Nein, sowas! Nein, sowas! Sowas hab ich ja noch nie gesehen!”

Sehen Sie, ist schon ziemlich lange her. Die Besucher der Pariser Weltausstellung mögen derlei Ausrufe getätigt haben, als vor ihren staunenden Augen der Eiffelturm enthüllt wurde. Oder die Einwohner von Hiroshima, als es so unversehens total hell wurde. Man kann dem zwanzigsten Jahrhundert so einiges ankreiden, unter mangelndem Erfindungsreichtum hat es definitiv nicht gelitten.

Nicht dass ich mich darüber beschweren möchte, dass ich beim Besuch von Supermärkten unpulverisiert zum Auto zurückkehren kann. Trotzdem deprimiert es mich, wenn unter den “NEU!!!!!!!”-Aufklebern auf Joghurts und Schokoriegeln immer nur gedruckt steht: “Jetzt noch leckerer!”, anstatt zum Beispiel: “Jetzt aus alten Autoreifen recyclet und mit natürlichem Himbeeraroma”. “Jetzt noch leckerer”, das hat den trüben Ruch von Stillstand, von phantasielosem: “Uns fällt nichts Besseres ein, aber ist ja auch egal, die Welt geht eh bald unter, und bis dahin müssen wir noch ein paar Joghurts verkaufen, um die Leute aus der Werbeabteilung bezahlen zu können.”

Außerdem ist es meist auch noch gelogen. Einmal habe ich eine Flasche antibakterieller Mundspülung gekauft, auf der der Aufdruck prangte: “NEU! Jetzt mit verbessertem Geschmack!”, und nachdem ich mir mit der giftgrünem Substanz den Mund gespült hatte, weil mir der Zahnarzt nach einer Parodontosebehandlung angeraten hatte, mir mit giftgrünen Substanzen den Mund zu spülen, um weiteren Parodontosebehandlungen aus dem Weg zu gehen, musste ich mich bestürzt fragen, wie das Zeug wohl vorher geschmeckt hatte, wenn das jetzige Geschmackserlebnis ein verbessertes sei.

Doch ich muss mich beim Leser entschuldigen, der gewiss schon ungeduldig mit den Hufen scharrt und murrt: Was faselt die denn von ihrer Parodontosebehandlung, wann kommt denn endlich die Masturbation? Und wen interessiert Himbeerjoghurt aus alten Autoreifen?

Gemach, gemach, gemahne ich die Herren, denn ich bin mir sicher, dass es sich bei den Hufescharrern um solche handelt, während die Damen sich errötend in Geduld üben und verschämt kichern. Des Geistes Weg ist eine Serpentine, elegant mäandert er durch des Hirnes Windungen und erblickt nach einer mit Bravour gemeisterten Spitzkehre eine “Er sucht Sie”-Kontaktanzeige.

Wenn es ein Paradebeispiel an Phantasielosigkeit gibt, das die intellektuelle Leistung eines Werbeabteilungkreativen für Himbeerjoghurt zu unterbieten im Stande ist, dann ist es die durchschnittliche “Er sucht Sie”-Kontaktanzeige. Haben Sie sowas mal gelesen? Ich schon. In meinen finstersten Stunden, wenn ich mir die Frage stelle, ob ich eine Lebensführung nicht doch mal kritisch reflektieren sollte, die mich am Silvesterabend um neun Uhr abends Ohropax in die Gehörgänge stopfen lässt, damit ich am Neujahrsmorgen pünktlich aufstehen kann, um die achtzehn Kilometer zur Firma zu fahren und die dort ansässigen Hofkatzen zu füttern. Es gibt Menschen, die mich deswegen für schratig halten, und wenn es mir so richtig scheiße geht, dann denke ich manchmal, die könnten recht haben, und ich sollte mal Kontaktanzeigen lesen.

Das Lesen von Kontaktanzeigen ist in solchen Phasen des Zweifels ausgesprochen hilfreich. Wann immer ich mich frage, ob ein von fetten Katzen dominiertes Leben wirklich artgerecht für ein Menschenweibchen ist, gibt mir die Lektüre von Kontaktanzeigen die Antwort: Nein, es mag nicht artgerecht sein, aber es ist immer noch besser als das Leben mit einem Herrn, dessen Interessen sich in Kino, Essen gehen und alles, was zu zweit mehr Spaß macht erschöpfen.

Alles, was zu zweit mehr Spaß macht ist das Kontaktanzeigen-Äquivalent zu Jetzt noch leckerer auf Himbeerjoghurt. Oder zu Verbesserter Geschmack auf antibakteriellen Mundspülungsflaschen. Es ist nichtssagend, phantasielos und irreführend. Die die Kontaktanzeige lesende potenzielle zukünftige Lebenspartnerin wird sich bei der Lektüre dieser Formulierung am Kopf kratzen, versonnen lächeln und denken: Hm, alles, was zu zweit mehr Spaß macht ... hach, Schuhe kaufen!

Und damit ist das Scheitern der Beziehung vorprogrammiert, noch bevor sie überhaupt begonnen hat. Während ich lieber die Zeitung in die Altpapiertonne schmeiße und noch ein paar Schälchen Sheba kaufen gehe, wenn ich sowas lese, sagen sich romantischer gesonnene Damen: Es gibt ihn also doch, den Traumprinzen. Dem schreib ich!

Das ist ein Fehler, meine Damen. Der Herr will gar nicht mit Ihnen Schuhe kaufen. Er hat ganz anderes im Sinn, wenn er unter “Hobbys” angibt: Alles, was zu zweit mehr Spaß macht. Denken Sie noch mal über diese Formulierung und über die unterschiedliche Anatomie von Herren und Damen nach, dann wird es Ihnen wie Schuppen von den Augen fallen. Während die Dame nämlich folgenlos auch ganz allein sexuelle Handlungen an sich vornehmen kann, macht der gleiche Vorgang beim Herrn immer Flecken auf die textile Umgebung, was den Spaß insofern trübt, als er entweder die Notwendigkeit der Inbetriebnahme einer Waschmaschine erforderlich macht oder wahlweise die Praktizierung in einer Umgebung, welche über eine Badkeramik mit Wasserspülung verfügt. Möchte der Herr also eine sexuelle Handlung vornehmen, so ist der Spaßfaktor in Kombination mit einer Dame, in der man die dabei entstehenden Absonderungen zwischenlagern kann, ungleich höher als in Ermangelung einer solchen.

Ich sehe jedoch am Ende meiner kleinen Betrachtung über Männer und antibakterielle Mundspülungen den Hauch eines Silberstreifs am dräuenden Horizont unseres aller Geschwätzigkeit zum Trotz so nichtssagenden Zeitalters. Ein brillanter junger Kopf könnte doch eine hübsche Apparatur erfinden, mit deren Hilfe einsame Waschmaschinenphobiker rückstandslose sexuelle Handlungen an sich vornehmen könnten, ohne eine Dame zu benötigen, aus der es hinterher heraus tropft. Die Dame könnte sich stattdessen Schuhe kaufen und vielleicht ein paar Katzen füttern, und die Welt wäre wieder ein etwas heitererer Ort für Männer, Frauen und herum streunende Haustiere.

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Foto: Stingray