Mit Witzbolden ist nicht zu spaßen

Am Samstag habe ich mir einen neuen Duschvorhang gekauft. Es ging nicht anders, denn der alte Duschvorhang war schimmelig geworden. Außerdem war er an den Aufhängelöchern kaputt gegangen und von der Aufhängestange gefallen, was mir Körperhygiene in einer für das soziale Umfeld unzumutbaren Art und Weise erschwerte. Es zwang mich, aktiv zu werden, was ich an und für sich nicht gerne tue. Ich könnte problemlos herumsitzen und vor mich hin starren, bis ich dereinst entseelt vom Sessel sinke, aber nein, dauernd geht irgendwas kaputt oder wird dreckig, und man muss aufstehen, sich was Ordentliches anziehen und in irgendeinen Laden fahren, um was Neues zu kaufen.

Zu allem Überfluss gab es keine durchsichtigen Duschvorhänge mehr. Mein Leben lang habe ich mich hinter durchsichtigen Duschvorhängen gereinigt, die mit Tierchen bedruckt waren, und ich war eigentlich überhaupt nicht geneigt, von dieser lieb gewonnenen Gewohnheit abzuweichen. Es ist generell nicht meine Art, von lieb gewonnenen Gewohnheiten abzuweichen. In diesem Fall blieb mir aber nichts anderes übrig, als einen undurchsichtigen Duschvorhang mit einer politischen Botschaft zu kaufen, nämlich mit aufgedruckten Eisbären und Pinguinen. Wie ein jeder weiß, der schon mal ein Fernsehquiz gesehen hat, bewohnen Eisbären und Pinguine gänzlich gegensätzliche geografische Zonen und würden ohne Zoosendungen niemals von der Existenz des jeweils anderen erfahren haben.

Jedoch beobachten Klimaforscher mit Besorgnis seit einigen Jahren unter Pinguinen eine Tendenz, die bislang nur Vox-Zuschauern bekannt war, nämlich die zum Auswandern. Die Pinguine wandern nordwärts. In Südamerika sind sie schon. Nicht mehr lange, und sie werden am Nordpol angelangt sein und mit den Eisbären Skateboard fahren, so wie auf meinem neuen Duschvorhang.

Mit dieser subtilen Mahnung an die kommende Klimakatastrophe unter dem Arm begab ich mich zu Kasse und entrichtete den zu entrichtenden Ladenpreis von sechs Euro. Hinter mir hatte sich ein Witzbold angestellt. Ebenso wie die Klimakatastrophe hat das Witzboldtum in den vergangenen Jahren erschreckende Ausmaße angenommen. In besseren Zeitaltern galt es noch als fein, ab und an eine Äußerung zu tun, die auf ein Mindestmaß an Intelligenz schließen ließ, heute ist diese schöne Sitte gänzlich aus der Mode gekommen, und es hat ein Trend sich breit gemacht, lockere Sprüche auf den Lippen zu tragen.

Ward der Witzbold in jenen goldenen Tagen schamhaft in Partykellern und Karnevalsvereinen unter Verschluss gehalten, so kriecht er in der Epoche der Bohlen und Börthe ans schummerig gewordene Licht einer liederlichen Welt, welche sich noch bei der Übertragung einer Haushaltsdebatte die Schenkel klopfen würde, hielte ein Spaßvogel ein Schild mit der Aufschrift "Comedy" in die Kamera.

Im gänzlich unangebrachten Bewusstsein seines Unterhaltungswertes bestärkt durch leichtsinniges Juchzen im Witzboldfreundeskreis, dass "hach n der Egon, immer einen lustigen Spruch auf den Lippen" habe, sucht der Witzbold fortan öffentliche Orte heim, an denen er Publikum erwartet, zum Beispiel drittklassige Spanplattenmöbelhäuser an Samstagvormittagen. In dem drittklassigen Spanplattenmöbelhaus, in welchem ich mit meinem politisch brisanten Pinguinvorhang an der Kasse weilte, krähte der Witzbold folgendes, indem er mit seinem Einkaufswagen anrollte: "Soll ich jetzt anhalten, ja, soll ich jetzt anhalten?"

Die Kassiererin bewahrte in bewundernswerter Weise ihre Contenance und sprach, so sei es in diesem Hause üblich, worauf der Witzbold kurz an der Kasse stoppte und dann weiterrollend brüllte: "So jetzt habbich angehalten, dann kann ich ja jetzt fahren ohne zu bezahlen nä?", um sich alsdann auf die Schenkel zu klopfen und "War nur Spaß Spaß muss sein ab und zu muss man mal'n Späken machen!" um sich zu tuten.

An dieser Stelle verließ ich den drittklassigen Spanplattenmöbelmarkt, denn ein angeborenes Taktgefühl verbot mir, weiterhin Zeuge dieser Demütigung einer hart arbeitenden, garantiert nicht nach tariflichen Regelsätzen entlohnten Spanplattenmöbelmarktkassiererin zu sein. Die hart arbeitende Spanplattenmöbelmarktkassiererin würde die Witzboldwitzigkeit nicht angemessen durch lachtränenbegleitete Begeisterung zu würdigen wissen, worauf der Witzbold in Rage geriete und nach dem Geschäftsführer verlangen würde, denn es ist ein naiver Irrglaube, dass ein simples Gemüt auch einen engelsgleichen Charakter habe.

Der nunmehr wütende Witzbold würde sich bei dem servil herbeieilenden Geschäftsführer über mangelnde Freundlichkeit des Verkaufspersonals beschweren, worauf der Geschäftsführer die Kassiererin mit donnernder Stimme andonnern würde: "Du wagst es, elendes Weib, mangelnde Freundlichkeit zu erweisen dem König Kunde unseres drittklassigen Spanplattenmöbelmarktes? Ist das der Dank, dass ich dich dereinst aus der Gosse emporzog zu den Weihen des Arbeitslebens? Hinfort, Undankbare!"
Unterdessen würde der Witzbold mit dem Fuß tappen und zufrieden zusehen, wie die Kassiererin sich vor dem Geschäftsführer auf die Knie werfen würde und ihn schluchzend anflehte, sie nicht hinfort zu jagen und sie und ihre zwölf unmündigen Kinder dem Hungertode in der sozialen Kälte der Hartz-IV-Welt zu überantworten.

Doch der Geschäftsführer stieße sie herzlos mit dem Fuße fort und riefe: "Du hattest deine Chance, faule Packangehörige! Und nun hinaus, dort draußen sind genügend andere, welche die von mir erwiesenen Wohltaten besser zu schätzen werden wissen als du es tatest!"

Weinend ginge die arme Kassiererin nach Hause zu ihrer darbenden Brut, und schon nach wenigen Tagen stünde sie mit den hungrigen Kindern auf der Straße, und in einer eisigen Novembernacht fände man sie dann, erfroren unter einem Brückenpfeiler, im Tode aneinandergeklammert, und der Witzbold käme vorbei, um sie zu besichtigen, wie sie da erstarrt hockten und von der Feuerwehr losgepickelt werden müssten, und würde ganz ernst sagen: "Ja, das hamse nun davon. Servicewüste Deutschland, sachich nur."

Das sind sie, die Sätze,

Das sind sie, die Sätze, die man gern auch mal in echt hören will:
"Du wagst es, elendes Weib, mangelnde Freundlichkeit zu erweisen dem König Kunde unseres drittklassigen Spanplattenmöbelmarktes? Ist das der Dank, dass ich dich dereinst aus der Gosse emporzog zu den Weihen des Arbeitslebens? Hinfort, Undankbare!"

Danke für den Text!

Bitte schön.

Bitte schön.