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Viva la revolución!
Ich komponiere seit Jahren heimlich barocke Sonette für den Wiener Opernball, deren Melodie sich streng am chinesischen Horoskop orientiert. Durch eine ungünstige Konstellation der Gestirne haben meine bahnbrechenden Tondichtungen aber bis heute noch nicht ihren Triumphzug durch die Welt antreten können.
Durch die Schieflage von Pluto und Uranus in meinem Lebensgebäude erwirtschafte ich deshalb meinen Unterhalt noch in einer Stückgut-Spedition, die mitunter Klaviere von Essen ins Emsland verschickt. So blieb es mir nicht verborgen, dass in Orten, die mit dem Buchstaben „E“ beginnen, mehr Menschen Klavier spielen als anderswo. Vielleicht war das ein Zeichen, dem ein Detektiv stirnrunzelnd seine Aufmerksamkeit widmen würde. Aber ich selbst habe es aus Zeitgründen aufgegeben, mir um alle Absonderlichkeiten der Welt einen Kopf zu machen.
Für gewöhnlich distributierte die Spedition viel profanere Dinge wie Maschinenöl und Gabelstapler-Motoren. Die Klaviere nahmen die Rolle der Exoten in unseren Lieferlisten ein, so wie es Pandabären oder Giraffen gewesen wären, traumartig verirrte und fehlerhaft wirkende Einträge in den Papieren. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verband den Großvater eines hiesigen Klavierbauers und den Gründervater der Spedition eine innige Freundschaft. So hatten die Klaviertransporte ihren Anfang genommen. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten war das unsinnig. Aber selbst nach dem Ableben der beiden wurde der unsinnige Brauch von den Erben aus nostalgischen Gründen beibehalten.
Die Piaonoforti wurden dienstags geliefert und traten vier Tage später die Weiterreise an. Wir rissen das Packpapier von ihnen und schoben die schwarz schimmernden Körper bis zum Abtransport auf die Lagerfläche vor unseren Büros. Ein Kollege meinte einmal, ihr mattes Glänzen in der Dunkelheit erinnere ihn an Dschungeltiere, die man in ein gepflastertes Gehege verschleppt hatte.
Und dann eines Tages geschah es. Eine grassierende Influenza hatte eine Bresche in die Phalanx unserer dienstbaren Geister geschlagen. Die Geschäftsführung mahnte Überstunden an. Und so blieb ich an einem stickigen Spätsommerabend länger als gewöhnlich in meinem Büro und beugte mich über die Listen, auf denen der Warenverkehr in winziger Schrift verzeichnet war. Die Luft brannte. Meine Kehle war ausgetrocknet. Über mir ratterte der Ventilator und verteilte beißend heiße Schwaden. Genauso kannte ich es aus französischen Filmen über das koloniale Indochina. Nur dass vor meinem Fenster nicht der Mekong floss.
Und dann, in der Hitze dieses Backofens, rief eines der Klaviere plötzlich nach mir. „Hilfe.“, erhob es zunächst schüchtern seine Stimme. „Hilf mir bitte.“ Ich zitterte und markierte am Rand, wie weit ich mit der Durchsicht der Lieferlisten gekommen war. Dann blickte ich auf und hoffte, ich hätte mich geirrt. Aber es war keine Sinnestäuschung. Das Klavier vor meinem Fenster verstummte nicht mehr. Stattdessen wurde es immer lauter und lauter und schrie schließlich: „Hilf mir endlich, Du fauler Sack. Los“.
Mir dröhnten die Ohren und das Geschrei hallte in meinem Kopf tausendfach wider. In meiner Verzweiflung sprang ich von meinem Schreibtisch auf, riss die Türe auf, stürmte in die Dunkelheit der Lagerhalle hinaus und herrschte das Piano an: „Wirst Du wohl endlich still sein. Vielleicht muss ich arbeiten. Halt endlich den Rand, Helga“.
Unwillkürlich hatte ich das Piano Helga genannt. Einen Moment mutete es mir seltsam an, ein Klavier anzuherrschen und dann auch noch namentlich zurechtzuweisen. Ich musste selber lachen. Einen Moment tanzte auf dem Parkett meiner Gedanken die Idee, mich nach Davos oder einen anderen Schweizer Luftkurort zurückzuziehen.
Ich hatte das Klavier Helga genannt. Dabei weiß ich gar nicht, ob es sich um ein weibliches Klavier handelte. Vielleicht hieß es auch Alfons oder sogar Melville. Aber das schien mir zu weit hergeholt. Jedenfalls gibt es in meinem Bekanntenkreis kein Klavier, das Melville heißt. Und doch sagte mir mein Gespür, dass ich mit Helga der Wahrheit sehr nahe gekommen war, denn das Klavier stellte sein Genöle rasch ein und verstummte wie ein zurechtgewiesenes Kind.
Der Mittwoch verging, als wäre nichts geschehen. Nach außen hin wahrte ich den schönen Schein und bearbeitete vorbildlich unsinnige Lieferlisten. Aber innerlich zog am Himmel meiner Seele ein Gewitter herauf. Der Hilferuf des Klaviers hatte eine unbekannte Saite in mir zum klingen gebracht und das vertrocknete Pflänzlein meines Mitgefühls kräftig bewässert.
Mit Schaudern malte ich mir aus, wie mein Klavier Helga in eine Bildungsbürgerfamilie gelangte und dann gelangweilte höhere Töchter ihre Missklänge daran versuchten und versehentlich Himbeersaft über seiner Klaviatur verschütteten. Das erfüllte mein Herz mit lähmender Mattigkeit. Aber das Schicksal reichte mir nun die Hand und bot mir Gelegenheit, meinen aus der Bahn gekommenen Uranus wieder auf den richtigen Kurs zu bringen. Und ich schwörte, dass ich ab dieser Stunde das Böse in der Welt nicht mehr tatenlos gewähren lassen würde. Ich würde das Klavier Helga retten.
Laut meiner Lieferliste wartete eine Familie Hoffmann darauf. Hoffmann mit zwei „F“. Auf einem bekannteren Internetportal, das Videosequenzen feilbietet, dilettierte Tochter Marlene auf einem älteren Pianoforte, das nun wohl zugunsten der Neuerwerbung entsorgt werden sollte. Aber es war die Mutter, die ans Telefon ging und meinen Anruf entgegennahm. „Was wollen sie von meiner Tochter“, fragte sie mit affektiertem Unterton. „Es geht um die richtige Sitzhöhe Ihres neuen Klaviers“, log ich. Bei einem Instrument dieser Preisklasse sei das ganz besonders wichtig. Die Klavierbauer würden die Sitzposition und Neigung der Tastatur am Charakter des Virtuosen ausrichten. „Oh“, sagte die Mutter, „das wusste ich gar nicht, Marlene kommst Du mal“.
Es widert mich an, Kinder aus dem Paradies ihrer unschuldigen Welt zu vertreiben und ihnen die Fratze der Realität vorzuhalten. Aber manchmal bleibt keine andere Wahl. „Marlene“, setzte ich an. „Gewiss versucht man Ihnen einzureden, Sie hätten Talent am Klavier. Aber - mit Verlaub - das stimmt nicht. Vergeuden Sie nicht Ihre beste Zeit, die purpurnen Jahre der Jugend, wo jeder Tag leicht wie mit Engelsflügeln vorbeischwebt, um mit ihren kräftigen Armen einem Piano Töne abzupressen, die über Katzenmusik kaum hinausreichen werden! Chopin war kein Gewichtheber. Nehmen sie eine Harmonika mit einem großen Blasebalg. Die können sie mit der ihnen eigenen rohen Kraft spielen, die bei einem Klavier fehl am Platze wäre. Ich bin mir sicher, dass sie auf der Harmonika schnell viel größere Fortschritte feiern könnten als auf einem Klavier“.
Marlene schwieg und ich war auf das Schlimmste gefasst. Auf Zorn, Wut, Verzweiflung, die Kinder der ungeschönten Wahrheit. Aber plötzlich drang ein Kichern vom anderen Ende der Leitung zu mir und Marlene bekannte: „Harmonika finde ich auch viel schöner“.
Es war die Mutter, die den geplatzten Traum beklagte und weinte. Ich konnte sie aber mit dem Hinweis beruhigen, dass der Konkurrenzkampf unter den Harmonikaspielerinnen verschwindend sei im Vergleich zur Situation bei den Konzertpianisten. Und sie wolle doch sicher nur das Beste für ihr Kind. „Ja, nur das Beste“, schluchzte sie, trompetete in ihr Taschentuch und stornierte die Bestellung.
Die Klavierbauer tobten über den Verlust. Aber auch dafür fand sich eine Lösung. Ich verkratzte an einer Stelle den Lack, meldete den Schaden der Transportversicherung und erwarb mein Klavier Helga dann für einen Ramschpreis. Da ich Klaviermusik nicht leiden kann, war nun die große Frage wohin damit. Ich entschied mich für eine Spende an ein Musikinternat, das zweimal jährlich eine karitative Soiree auf dem Programm hatte.
Ich hatte Wort gehalten. Nun blieb mir nur, Helga Lebewohl zu sagen und tatsächlich haben wir uns nach der Trennung viele Jahre nicht mehr gesehen. Nur einmal sind wir uns noch über den Weg gelaufen, in der kalten Jahreszeit, als ich vor einem plötzlich aufbrausenden Schneesturm in eine unbekannte Bar flüchtete. Das ramponierte Klavier in der Ecke mit den Rotweinflecken auf der Tastatur fiel mir zunächst nicht auf. Erst auf dem Weg zur Toilette musste ich nah daran vorbei, und da traf es mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als Helga keifte: „Du hast mein Leben verpfuscht“.
Trotz der unerwarteten Attacke blieb Stoikos mein Begleiter. Ich blieb zwar wie angewurzelt stehen, zählte aber bis drei, bevor ich antwortete: „Mach mir hier keine Szene, Helga. Undankbares Stück! Ich habe es nur gut mit Dir gemeint. Und das ist der Dank!?“ Helga schwieg beschämt. Der Kellner, unfreiwillig Zeuge unserer Szene, wünschte zu wissen, ob alles in Ordnung sei. „Sie müssen sich nichts wegen Ihrer schlechten Manieren denken“, sagte ich. „Im Grunde hat Helga ihr Herz auf dem rechten Fleck“.
„Na dann“, sagte er, drehte auf dem Absatz und servierte weiter Mandelkuchen. Ich hätte mir für Helga eine strahlendere Zukunft gewünscht. Trotzdem plagt mich bis heute kein schlechtes Gewissen, denn meine Absicht war rein. Und Helga muss endlich lernen ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und aufhören anderen am Rockzipfel zu hängen.
Die Erfahrung mit meinem Klavier Helga hat mich bis heute geprägt. Und diese Erfahrung strahle ich auf Schritt und Tritt aus. Und ganz gewiss ist es kein Zufall, dass mich nie wieder ein Piano angesprochen und gebeten hat, ich möge sein Retter sein. Helga blieb mein erstes und einziges Klavier.
Ich finde dich so romantisch
Ich finde dich so romantisch - möchtest du mal sanft mein Skrotum kraulen?
Davon träume ich schon lange.
Davon träume ich schon lange. Woher hast du es gewusst? Du bist so feinfühlig, so sensibel!
;D weiter so
;D
weiter so