Mein himmlisches Mixgerät

Seminare zur Gewinnoptimierung, zu denen Arbeitgeber unwillige Mitarbeiter gerne senden, sind nur für den Uneingeweihten unsinniger und hysterischer Hokuspokus. Dabei muss ich zugeben, dass auch ich mich lange Jahre zu den Pharisäern gesellt habe. Ich habe, ungerechterweise, die Leiter solcher Seminare immer als überflüssige Esser auf einer überbevölkerten Kugel betrachtet.
Und wenn der Regen dann grau gegen das Fenster meiner Kammer prasselte, dann träumte mir vom flammenden Schwert der Inquisition, die allein dieses Unkraut der Scharlatanerie mit der Wurzel ausreissen könnte. Ich befreie mich aber meist sehr schnell aus solchen gedanklichen Sackgassen, indem ich auf meinem Balkon nackt auf der Stelle springe und bis zur Heiserkeit „Om“ skandiere.

Zurückblickend kann ich sagen, dass mein erstes und einziges Gewinnoptimierungsseminar schnelle und reiche Ernte einfuhr. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Samstag danach, als mir am Küchentisch vor lauter neuer Eindrücke der Kopf brummte. An meinem inneren Auge sickerten rot illuminierte Zahlenkolonnen vorbei. Mein schlechtes Gewissen plagte mich, weil es mir schien, als sei ich der einzige auf Gottes weiter Welt, der nicht in der Lage war mit seinen bescheidenen Einkünften optimal zu wirtschaften.

Schon da wurde mir Einiges unangenehm klar. Der grösste finanzielle Aderlass meiner Lebenswirklichkeit waren nicht meine 16 Zeitungsabonnements, war auch nicht meine Mitgliedschaft im Hundeverein, obwohl ich nur mal eine Katze hatte. Der grösste finanzielle Aderlass war meine Kirchenmitgliedschaft und die damit verbundene Steuer.

Deshalb wurde ich umgehend bei meinem Gemeindepfarrer, Pater Ansgar, vorstellig und erläuterte meine Bedenken. Ohne grossen Prolog eröffnete ich ihm, dass sich nach meinem Dafürhalten Jesus heute nicht für die anderen ans Kreuz schlagen liesse. Jesus würde heute auf der Küstenautobahn von Tripolis Porsche fahren.

Der Bau und Unterhalt so vieler Kirchen, die ja dann doch leer stünden, sei völlig unwirtschaftlich. Kosten und Nutzen stünden in keinem Verhältnis mehr, vor allem nicht für eine durch und durch gefestigte und in sich ruhende Seele wie mich. Deshalb forderte ich eine völlig neue Kostenstruktur für die ganze Kirche. Sofortiger Abriss der Leerstände. Oder sinnvolle Nutzung. Hü oder Hott. Bei mir in St. Bartholomä beispielsweise könnte man in den kühlen Gewölben perfekt einen Getränkemarkt einrichten. Ansonsten müsste ich nun die Reißleine ziehen und meine Mitgliedschaft in seinem verschwenderischen Verein beenden.

Ich hatte Ansgar leider unterschätzt. In der Kaderschmiede der Jesuiten hatten sie ihn offensichtlich im Umgang mit abtrünnigen Schafen gedrillt. Ich hatte mir ausgemalt, dass er toben würde, worauf ich mit gutem Gewissen mit der Türe geknallt und mein Austrittsformular unter dem Türschlitz durchgeschoben hätte. Aber er lächelte milde, klopfte mir auf die Schulter und fragte: wann hast Du denn das letzte Mal der Messe beigewohnt, mein Sohn?

Ich überlegte fieberhaft. Die Gedanken platzten in meinem Kopf wie das Neujahrsfeuerwerk von dem kleinen chinesischen Lokal bei mir an der Ecke. Schnell hatte ich auf die Frage nach meinem letzten Kirchenbesuch eine äußerst kluge Antwort parat, aber dann rutschte mir aus Versehen die Wahrheit über die Lippen: ich glaube 1982. Ansgar lachte und schob mich sanft hinaus.

Aber der Zufall kam mir zu Hilfe. Meine Nachbarin hat sich nämlich als Stewardess verdingt. Ich erinnerte mich an eine Erzählung, wo sie vor dem Start wie Doris Day durch die Sitzreihen schlenderte und mit einem Handzählwerk die fehlenden Passagiere ermittelte. Meine Nachbarin hat eine Stimme wie Hitler, und so belauschte ich zwangsweise ihr Telefonat mit der Hausverwaltung, in dem sie um Reparatur ihrer defekten Balkontüre bat. Am Tag, als sie in Urlaub fuhr, half ich ihr die Koffer zum Auto tragen, ging dann weiter zur Telefonzelle und stornierte ihre Handwerker mit hoher Stimme. Dann habe ich mich am Antennenkabel auf ihren Balkon abgeseilt. Sie ist leider sehr ordentlich und lässt nichts herumliegen. Aber nach zwei Stunden habe ich das Zählwerk doch endlich in der Schlafzimmerkommode zwischen ihren Schlüpfern gefunden.

Am nächsten Sonntag konnte ich vor Aufregung nicht schlafen und bin gleich zur Frühmesse. Als Hochwürden dem Volk den Rücken zuwandte und den Weinkelch hochhielt, huschte ich aus meinem Gestühl, und noch ehe irgendjemand mitbekam, was geschah, hatte ich mit dem Flugzeug-Zählwerk klackklackklackklack die Zahl der Kirchenbesucher protokolliert. 17.

Dann bin ich auf Engelsflügeln zu Pater Ansgar geeilt. Er lag um halb sechs noch in den Federn und war völlig perplex, konnte aber auf meinen Beweis des Leerstandes nichts erwidern. Als er zu einer Erwiderung ansetzte, hielt ich ihm das Zählwerk unter die Nase, auf dem immer noch die „17“ prangte. Nun musste er einsehen, dass jeder Widerstand zwecklos war. So hallte mein Triumph von den Wänden wider: „Sagen Sie Rom, dass meine Geduld zu Ende ist!“

Ich schmetterte ihm die Kündigung meines Kirchenabonnements vor die Füsse, zeigte aber gleichzeitig guten Willen, in dem ich sagte, dass das alles überhaupt nicht in Granit gemeisselt sei. Ich bin ja rückkehrwillig, möchte dann aber als Werbegeschenk mindestens eine Kenwood Küchenmaschine. Und zwar eine KM750, so wie aus dem Vielflieger-Programm von Singapore Airlines. Und ich fordere nach zwei Jahren eine verzinste Teil-Rückzahlung meiner Beiträge. Ich esse ja auch weniger Oblaten als die anderen.

Nach zwei Wochen habe ich mich noch einmal in die Wohnung der Nachbarin abgeseilt und das Zählwerk zwischen die Schlüpfer zurückgelegt. Als kleines Dankeschön für die Leihgabe habe ich noch ihren Wohnzimmerteppich gesaugt und zwei Blümchen in zu engen Schalen umgetopft.

Pater Ansgar hat sich bis jetzt noch nicht gemeldet. Aber ich habe Manieren und setze Rom nicht unter Druck. Der Vatikan soll in Ruhe mit Kenwood verhandeln. Für den Fall aber, dass es in den nächsten zwei Wochen wieder zu keinem Ergebnis kommt, habe ich schon einen Brief an den Petersdom vorbereitet. Ich wäre zur Not auch mit einem Elektrorasenmäher zufrieden. Mit diesem Trumpf im Ärmel bin ich nun frohen Mutes, dass einer glücklichen Zukunft vom Heiligen Stuhl und mir nichts mehr im Wege steht.

Ja, scho sche, owa woss

Ja, scho sche, owa woss hoddn dees midm Micksa zu doa? No dazua midm himmlischa?

Ommmm und fröhlichen Mutes

Ommmm und fröhlichen Mutes hüpfe ich jetzt gleich in die Agentur und werde dort mal leere Stühle zählen.

Heute schon gedropboxt?