Meerfahrt mit PostIt

Im inneren Zirkel meines Freundeskreises gelte ich aufgrund gelegentlicher Soupers, zu denen ich am Sonntagabend vor dem Hauptfilm um 20 Uhr lade, als große kulinarische Hoffnung im Viertel. Und wäre ich zwanzig Jahre jünger, würde man mir gewiss eine Karriere als Koch unterstellen und als Gerücht in die Welt bringen. Bis ich vielleicht entnervt, aufgrund dieses schlechten Karmas, tatsächlich eine Lehre in einer zugigen Küche beginnen müsste.

Längst hat die Liste der kulinarischen Extravaganzen und Gaumenkitzel, die im Rahmen dieser Soupers kredenzt werden, das finstere Tal des Kantinenniveaus verlassen und sich wie Phönix aus der Asche in die schwindelerregenden Sphären der Hochküche emporgeschwungen. Wer sich nur bei Aldi mit Fett und Kohlehydraten eindecken muss, für den werden solche exotischen Leckereien immer Luftschlösser bleiben. Es gibt Chili con Carne mit frischem Weißbrot von der Aral-Tankstelle und manchmal sogar überbackene Auberginen.

Mein Steckenpferdchen sind kleine Lebensverbesserungen und Merksysteme. Als damals die Sternstunde der bunten PostIt-Blöcke schlug, habe ich zur Feier allein eine Flasche Champagner entkorkt. Das Zettelsystem ist mir im Lauf der Jahre zu einer lieben Gewohnheit geworden, wenn ich hinter meinem Rücken auf dem Weg zur Toilette auch schon den Begriff der „krankhaften Manie“ zu hören geglaubt habe. Aber der Erfolg gibt mir Recht. Ich nutze die blauen Zettel als Einkaufsliste, habe nie wieder etwas vergessen und zudem alle Erinnerungen immer an der Wand parat. Außerdem musste ich meine Wohnung nie wieder weißeln.

Wer es sich recht überlegt, wird mir zustimmen müssen, dass ausschließlich der blaue PostIt Zettel als Erinnerungsstütze geeignet ist. Der Gelbe mit seinem lärmenden Charakter scheidet völlig aus. Jedoch wollte es ein ungünstiges Schicksal im Vorfeld jener festlichen Abendgesellschaft, dass im Schreibwarenladen meines Vertrauens aufgrund des Fehlverhaltens einer gewissenlosen Aushilfe nur noch gelbe Zettel auf Lager waren. So konnte ich meinen blauen Vorrat nicht aufstocken. Ich spürte das Unheil förmlich heraufziehen. Jeder blaue Zettel, den ich vom letzten Block neben dem Telefon abriss, stach mir ins Herz, bis nur noch ein einziger blieb.

Als an jenem Samstag die Türglocke schellte, hätte ich meinem ersten Impuls folgen, standhaft bleiben und mich ruhig verhalten müssen. „Mach doch auf, ich weiß, dass du da bist“, rief sie. „Nein, ich bin gerade ausgegangen“, erwiderte ich geistesgegenwärtig, aber sie lachte nur, und ich öffnete die Tür, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Es war meine kleine Nichte Marie, die sich während ihrer Einkaufsbummel gerne von mir mit Kaffee versorgen lässt. Das ist eine harmlos und gut eingeübte Prozedur. Nur erinnerte sie sich dieses Mal, Gott weiß wie, aus heiterem Himmel an ihren neuen Buhlen, verlangte ein Telefonbuch und forderte schließlich, dass man ihr seine Rufnummer auf meinen letzten blauen Zettel notiere. Was ich natürlich verweigerte.

Sie schien meine Ablehnung, zunächst milde lächelnd, für einen Scherz zu halten. Aber mir war es ernst, und so setzte ich nach: „Was soll denn das für eine Liebe sein, die sich nicht einmal die Telefonnummer des neuen Geliebten merken kann“, herrschte ich sie an. „Das nenne ich eine billige Operette, mein Kind“, worauf sie bitterlich weinte, mich der Unmenschlichkeit und Gemeinheit bezichtigte und schließlich doch mit dem letzten blauen Zettel und der Telefonnummer abzog.

So also kam es, dass ich mangels blauer Merkhilfe ohne Einkaufsliste loszog und den Streukäse für die überbackenen Auberginen vergass. Mir stand für einen Moment das Herz still, als ich es am Sonntag bemerkte. Mehr noch fürchtete ich aber die Konsequenzen, die nun notwendig waren. Diese Blöße kann sich ein Mann mit Ehre nicht geben. Und so war es nur naheliegend, dass ich die Wohnung abdunkelte und einen Zettel an der Haustüre anbrachte: Liebe Freunde, habe überraschend gewonnen. Bin drei Wochen auf Kreuzfahrt. Essen fällt aus. Bitte gießt die Blumen.

Eine dreiwöchige Kreuzfahrt im Mittelmeer, an der man nicht teilnimmt, hat ihre Tücken. Zweimal die Woche habe ich mich in ein Solarium in ein anderes Stadtviertel geschlichen, um später Fragen nach meiner bleichen Gesichtsfarbe zu vermeiden. Eine abgedunkelte Wohnung und kein Licht nach Einbruch der Dämmerung sind natürlich eine Selbstverständlichkeit. Unangenehm habe ich nur Dienstag und Freitag in Erinnerung, wenn mein Freund Peter zum Blumengießen kam - und ich mich für eine halbe Stunde in der Kommode verstecken musste.

Einmal hatte er Bier und Kartoffelchips dabei und ich fragte mich, wozu das beim Pflanzenwässern nützlich sein könnte. Ich kam nicht darauf, aber er blieb bis nach Mitternacht, weil er bei mir Fußball schaute und dann auf dem Sofa einschlief. Da wäre ich beinahe aus der Kommode und hätte ihm die Freundschaft aufgekündigt.

Aber es war ein langweiliges Spiel, so dass ich nach der Verlängerung beim Elfmeterschiessen selbst entschlummert bin. Erst am nächsten Morgen kroch ich mit Bandscheibenvorfall aus meiner Schublade.

Nach drei Wochen habe ich die Soupers in veränderter Form wieder aufgenommen. Allerdings kredenze ich keine Haute Cuisine mehr, sondern nur noch gute bürgerliche Kost, die ohne Zutaten auskommt, wie Dosenravioli im Wasserbad.

Dafür gelte ich seitdem als erste Adresse, wenn es um die vorbereitende Planung für Seereisen geht. Ich warne entschieden vor der Innenkabine und habe mir auch ansonsten allerlei Tipps für den Landgang angelesen. Mein gesamter Freundes- und Bekanntenkreis hat inzwischen mindestens eine Kreuzfahrt hinter sich. Ihre Reiseerinnerungen sammeln sich auf 15000 Zetteln an den Wänden meiner Wohnung. Wenn ich die ausgewertet habe, dann unternehme ich selbst meine erste Schiffsreise die ligurische Küste hinunter, wo ich in meinem ganzen Leben gewiss nie hingekommen wäre, wenn damals meine blauen PostIts nicht ausgegangen wären.

Ich finde, dass nicht die

Ich finde, dass nicht die gelben, sondern die grellorangen Postit die beste Merkhilfe sind

Ziemlich schräge, aber

Ziemlich schräge, aber schön zu lesen! Ein fehlender Streukäse mit Konsequenzen; man muss im Leben Prioritäten setzen! Aber öhm - wieso sind nun die blauen Zettel besser als die gelben?
Die Szene mit Peter beim Fußballschauen ist sehr hübsch!