Maria kam nur bis zur Aldi-Kasse

Zeit meines Lebens habe ich mich von religiösen Dingen fern gehalten, weil ich an keinen Gott glauben kann, der mich zwei Stunden lang meine verlegte Fernseh-Fernsteuerung nicht finden lässt, so dass mein Lieblingskrimi nur einen Knopfdruck entfernt ohne mich dem Showdown entgegenflimmert.

Trotzdem bin ich nun wieder reumütig in den Schoss der Heiligen Mutter Kirche zurückgekehrt, weil ich neulich an der Kasse bei Aldi eine Marienerscheinung hatte.

Für jeden, der nicht so fest im Glauben verwurzelt ist wie ich, für den mag das albern klingen. Aber ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass mir die Jungfrau Maria bei Aldi an der Kasse auf den Fuß getreten ist.

Ich hatte nur einen Laib Olivenbrot gekauft, so dass der schützende Gitterwagen vor mir fehlte. Zunächst nahm ich sie nicht bewusst wahr und registrierte nur beiläufig, dass eine Frau in der Warteschlange direkt vor mir unkoordiniert hin und her tänzelte. Schlaftrunken assoziierte ich Zirkustanzbären, bis sie mit ihrem Pfennigabsatz auf meinen Fuß stöckelte und der stechende Schmerz jeden weiteren Gedanken lähmte. Der Dämon in mir wollte schon rufen: „pass doch auf, du dusselige Kuh“. Aber da vibrierte die Luft schon so voller Gnade, dass ich meine Qual fröhlich ertrug und wohlwollend in die Runde nickte.

Sie war so nahe, dass ich nur den Arm hätte ausstrecken müssen, um sie zu berühren. Aber dann wäre mein Oliven-Ciabatta auf den Aldi-Kachelboden gefallen. Und außerdem war mir in dieser Sekunde noch gar nicht bewusst, wer vor mir stand. Ich begrapsche doch nicht grundlos fremde Weiber an der Aldi Kasse!

Nun begab es sich aber, dass sich in diesem Moment wie durch ein Wunder das wolkenverhangene Firmament teilte, ein gleißend heller Sonnenstrahl aus dem Himmel niederfuhr und blitzartig alles erstrahlte. Ein Raunen lief durch die wartende Menge, ja ich meine sogar vereinzelt verhaltene Schreie vernommen zu haben, ehe wieder eine erhabene, fromme Stille einkehrte.

Mir stockte der Atem. Denn vor mir war das lange, wallende Haar von einer Sekunde auf die andere von einer goldenen, glühenden Aura umfangen. Und auch ihr bodenlanger wollener Umhang glimmte in diesem überirdischen Lichte. Und da, in diesem Moment, der mein Leben für immer verändern sollte, drehte sie ihr Profil nach rechts, in Richtung der Zigaretten, und da erkannte ich sie endlich, die Heilige Mutter.

Ich kniff mich in den Arm. Aber es bestand kein Zweifel. Sie war es. Das Haar, das jungfräuliche Antlitz. Allerdings hatte ich die Mutter von den Heiligenbildchen aus dem Religionsunterricht meiner Kindheit schlanker in Erinnerung. Sie hatte seit meinem achten Geburtstag 30 Kilo zugenommen. Aber sie trug noch denselben blauen Wollmantel wie vor 2000 Jahren. Auch wenn seine Farbe in 20 Jahrhunderten Waschen ausgeblichen war.

Ich spähte der Jungfrau Maria neugierig über die Schulter, um zu erkunden, ob sie auch sie eines der Sonderangebote für den göttlichen Haushalt erwarb. Sie kaufte aber nur eine heilige Aldi-Gurke für den Abendmahlsalat. Beinahe hätte ich mich vor der Gottesmutter in den Staub geworfen, was ich aber dann doch unterließ, weil sonst meine frisch gebügelte Hose wieder Falten geworfen hätte.

Gewiss ist jeder im Umgang mit Prominenten im ersten Moment gehemmt. Was sollte ich tun? Sollte ich sie beherzt bitten mir ein Autogramm auf den Unterarm zu kritzeln? Nein, ich musste die Mutter ansprechen, damit sie mich segnete. Aber wie? Es sollte der beste Satz meines Lebens sein. Etwas Bedeutungsvolles, etwas, das meine untadeligen Absichten offen darlegte, aber gleichzeitig unverfänglich und trotzdem eindeutig wirkte.

Ich übte leise einige Reime, aber ich stotterte wie vor dem ersten Rendezvous und bekam feuchte Hände. Schließlich entschied ich mich auf den Beistand des Himmels zu vertrauen, einfach in bester Absicht unvorbereitet vor sie hinzutreten und das erste zu sagen, was mir einfiele. Später habe ich mich oft gefragt, ob ich mir nicht einen gehaltvolleren Spruch hätte zurechtlegen müssen als den, den ich dann nonchalant an sie richtete: „Hallo, wo treibt sich der Filius denn heute rum?“

Die Mutter fiel aus allen Wolken. Sie hatte wohl nicht erwartet, dass sie in dieser gottlosen Zeit jemand erkannte. Sie hatte wohl erwartet, dass sie einfach bei Aldi inkognito eine heilige Salatgurke kaufen könnte, um sich dann wieder heimlich aus dem Staub zu machen. Das sah ich ihr an. Und das ärgerte mich.

„Segne mich endlich, Mutter“, bat ich sie deshalb ohne Umschweife inbrünstig. Ist das denn zuviel verlangt? Stattdessen beginnt sie so laut zu lärmen wie die Trompeten von Jericho. „Lassen sie mich in Frieden, hilfe“, keifte sie und begann schließlich mit der Abendmahlgurke auf mich einzustechen.

Eine schnelle Segnung schien in weiter Ferne gerückt. Nun war guter Rat teuer. Mein Gehirn arbeitete fieberhaft. Aber mir blieb keine Zeit. Denn genauso wie im Buch Hiob näherte sich nämlich von links, aus Richtung der Stadt Askalon, römische Kavallerie unter Führung des Filialleiters. Deshalb ließ ich von der Heiligen Mutter ab, nicht ohne ihr noch einmal zuzuzwinkern und versuchte mein Olivenbrot entgegengesetzt in Richtung syrischer Wüste zu retten.

Ich weiß aus einem meiner Videospiele, dass ein zahlenmäßig überlegener Feind gut in einem Labyrinth abzuschütteln ist, sofern man flink und geschickt oft genug Haken schlägt und planlos die Richtung wechselt. Aber Aldi ist kein Videospiel und so verfranste ich mich schließlich selbst im Irrgarten der Regale. Mehr und mehr geriet die bessere Ortskenntnis der Kavallerie zum Vorteil. Und als schließlich ein herodesartiger Rentner und eine Schar schaulustiger Pharisäerkinder die letzte rettende Heerstrasse versperrten, wendete sich das Blatt endgültig. Es gab kein Entkommen mehr. Die römische Übermacht umzingelte mich, beschlagnahmte mein Olivenbrot und eskortierte mich vor die Palasttore.

Dort wartete ich noch fünf Stunden auf die Heilige Mutter, um doch noch meine ausstehende Segnung einzufordern. Aber sie kam nicht. Plötzlich aber sah ich etwas hoch über Aldi schnell mit einem Kondensstreifen vorbeizischen und mir war klar: das muss sie sein. Aber da, der Kondensstreifen zerfaserte und verschwand. Ein Desaster. Die Mutter war abgestürzt. Vermutlich war die Gurke ins Triebwerk geraten.

Weiter kam ich in meiner Absturzanalyse nicht. Denn schon Sekunden später zerriss ein apokalyptischer Knall die Stille. Mein Herz stockte, die Scheiben in der Umgebung erzitterten wie am Tag des jüngsten Gerichts und ich schloss die Augen und betete instinktiv: Oh Herr, lass mich nicht sterben - bevor ich den Jackpot geknackt habe. Dies denken und lossprinten waren eins. Denn ich hatte tatsächlich vergessen meinen Tipp-Schein abzugeben. „DANKE MUTTER“ brüllte ich auf dem Weg zur Annahmestelle, wo ich in letzter Minute eintraf. Und muss ich es wirklich dazusagen, ich habe gewonnen. Sie hatte mich doch noch gesegnet.

Übrigens ist es einfacher,

Übrigens ist es einfacher, ein christlicher Atheist zu sein, als ein jüdischer...

Mir ist auch schon mal die

Mir ist auch schon mal die Jungfrau Maria erschienen, allerdings im Getränkemarkt.

Gibts ne

Gibts ne Personenbeschreibung? Vielleicht ein Bild? Herrgott, dafür wurden die Scheißhandys mit Kamera doch geschaffen ... um immer und ständig und überall Zeugnis abzulegen!
By the way: Glückwunsch zum heiligen Lottogewinn! Ich bitte um eine Spende für eine mittellosen Familie ohne Porsche!

Heilige haben, ähnlich wie

Heilige haben, ähnlich wie Vampire, kein Spiegelbild. Das könnte heutzutage auch für Handyaufnahmen gelten. Vermutlich ist deshalb der Schnappschuss missglückt.