Großstadtsinfonie

Ja ja, die Anonymität der Großstadt, sagen manche. Zu einem Teil mag dieser Spruch seine Gültigkeit haben. Ich zumindest habe noch nicht sehr viele Nachbarn aus meinem mehrgeschossigen Altbau zu Gesicht bekommen.
Aber ... hören kann man sie. Da versagt die Anonymität dann leider komplett.

Ich lebe in einem vierstöckigen Altbau in Düsseldorf. Wahrscheinlich wurde bei den großzügigen Sanierungsmaßnahmen an der Schalldämmung, genau wie an der geschmacklichen Farbgestaltung im Treppenhaus, gespart. Ich bin nämlich der Meinung, dass 'erbsensuppengrün' das allgemeine Befinden nicht unbedingt positiv beeinflusst. Ein Feng-Shui-Vertreter wäre beim Anblick des Treppenhauses auf der Stelle in ein Wachkoma gefallen und hätte nur durch den rücksichtslosen Einsatz von Heilkristallen eine Überlebenschance gehabt.

Aber das ist eine andere Geschichte. Denn heute geht es um die nicht vorhandene Schalldämmung und die damit verbundene vielfältige Geräuschkulisse. Ich wohne im Erdgeschoss, welches im baugewerblichen Jargon auch EG genannt wird. Es fing an mit der Person, die über mir im ersten Stock wohnt und darum im folgenden ÜM1 genannt wird. Kaum zwei Tage in der neuen Wohnung, hörte ich von oben ein Hämmern. Es wurde wohl ein Bild aufgehängt. Dieses Hämmern steigerte sich. Täglich. Also entweder hat ÜM1 eine Gemäldegalerie mit ständig wechselnden Exponaten oder seine Wohnung war Drehort einer minderwertigen RTL-II-Doku-Soap über laienhafte Handwerker.

Wochen später, beim Leeren des Briefkastens, erfuhr ich dann, dass dieses Hämmern mir und meinem wohl zu lauten 'DENVER CR212' UKW-Uhrenradio galt. Es war ein Morsecode, der mir freundlich aber bestimmt mitteilen wollte:
"Mach die Mucke leiser ... du Wichser."
Aber zunächst konnte ich den Morsecode nicht entschlüsseln, und so ergab sich die folgende Situation. Ich will sie einfach mal mit einem musikalischen Meisterwerk vergleichen.

Der erste Satz begann wie viele andere klassische Sinfonien mit einer langsamen Einleitung. Das Eingangsmotiv, das schon auf das Hauptthema des Satzes hindeutet, wurde von ÜM1 intoniert. Sein rhythmisches Klopfen sowie die Musik von Hochschulradio Düsseldorf in meinem 'CR212' riefen jetzt die Nachbarn links von mir auf den Plan. Ein Pärchen, das ich im folgenden LVM nennen werde. LVM wollte in diesem Stück ein Wörtchen mitreden, und da dieses Pärchen einen Extraeingang hat, war die Hemmschwelle von geringer Natur. LVM diente in erster Linie der harmonischen Umsetzung der musikalischen Linie. Geschickt verschleierten sie die Grundtonart des Stückes, indem sie es heftig miteinander trieben. Unter lautem Stöhnen peitschten sie sich gegenseitig zu sexuellen und musischen Höchstleistungen an. Der männliche Part von LVM schien eine enorme Ausdauer zu haben, wie ich peinlich berührt feststellen musste. Erst nach 18 Takten änderten sie Tempo sowie die Taktart.

Beide Themen zusammen, also LVM und ÜM1 gekoppelt mit dem Hochschulradio, hatten einen ausgesprochen tänzerischen Charakter, und ich begann schon leicht mit dem linken Fuß zu wippen. Plötzlich erfuhr das Stück einen erstaunlichen Stil-Wechsel. Ich bin mir nicht sicher, ob LVM oder ÜM1 dafür den Ausschlag gaben, aber der Nachbar links über mir, ich nenne ihn LÜM1, fing jetzt an, das Stück mit seiner 3500-Watt-Steroanlage zu bereichern. Als melodischen Background wählte er eine gefühlsbetonte CD vo SLAYER auf Stadionlautstärke. ÜM1 fixierte sich und den Besen sofort auf das neue Ziel und steigerte parallel Geschwindigkeit und Lautstärke.

Bevor ich diesen neuerlichen Hörgenuss richtig verarbeiten konnte, bekam die Komposition überraschend eine fast schon dem Chanson ähnliche Eigendynamik. LVM gelangte jetzt ruhig und gleichmäßig aus dem Zustand des gemeinsamen Stöhnens in den Zustand des kollektiven Schreiens. Die animalische Erregung aus meinem Nachbarzimmer brachte meinen Aschenbecher zum Beben und ließ meine Unterlippe erzittern. Kurz glaubte ich, auch Anfeuerungsrufe gepaart mit zarten Bob-Marley-Melodien aus der Kiffer-WG links neben LVM zu hören. Aber diese gingen im kompakten Sound der Sinfonie unter, die sich beständig dem Höhepunkt näherte.

Schlimmer hatte es ÜM1 erwischt, denn auch der Nachbar rechts über mir, also RÜM1, stimmte jetzt mit ein. Dieser RÜM1 war wohl mit der Musikwahl von LÜM1 nicht zufrieden und hatte lautsprechertechnisch mächtig was auf dem Kasten. Ich glaubte, kurz eine Trance-Version von 'Snoop-Doggy-Dog' gehört zu haben, konnte aber, wegen LVM, die jetzt in einem extatischen Rauschzustand angekommen waren, nicht mehr zwischen Bass und ÜM1 unterscheiden. ÜM1 reagierte heftig, wurde aber von LÜM1 und RÜM1 in eine klangreiche Enge getrieben. Die Dezibelzahlen glichen denen eines startenden Jumbo-Jets.

Ich kochte mir grade einen Tee und ärgerte mich, dass der gute, alte Pfeifkessel aus der Mode gekommen ist, da betrat ein weiterer Tenor die Bühne. Ich bin mir leider nicht sicher, wer es war, vermute aber, dass er den Namen ÜM2 bekommen hätte. Ist aber auch nicht so wichtig, da diese Person das erbsensuppengrüne Treppenhaus für sich akquirierte und daher den Namen TH bekommen hat. Falls TH aber wirklich ÜM2 gewesen wäre, hätte ÜM1 gänzlich verspielt. Der neue Akteur begnügte sich aber damit, eine Gesangs- und Liveperformance auf der Treppe zu veranstalten. Motiviert durch die anderen Musiker, trällerte er den 'Holzmichl' in Perfektion, während ihn LÜM1 mit Lemmy von 'Motörhead' unterstützte und RÜM2 der ganzen Sache mit dem Wu-Tang-Clan eine sehr spezielle Note gab.

Um ÜM1 war es verdächtig ruhig geworden...
Das allerdings schien LVM nicht zu stören. Diese zelebrierten den musikalischen Paarungsakt jetzt in einer Lautstärke, dass der Vergleich mit wilden Tieren nicht mehr zutreffend war. TH wurde inzwischen der 'Holzmichl' zu langweilig, und er konzentrierte seine ganze Sangeskraft jetzt auf das 'Altbierlied'. Unterstützt wurde er dabei vom wütenden Bellen eines Rehpinschermischlings, den eine älteren Dame aus dem vierten Obergeschoss gerade Gassi führen wollte. Sie rap-te noch ein paar bösartige und gemeine Worte und verschwand dann schnell wieder in ihrer Wohnung. Schade, denn sie brachte dem Gesamtwerk einen wirklich erfrischenden und modernen Anstrich.

Ich lehnte mich zurück und genoss, mit meinem leckeren Pfefferminztee in der Hand, die Aufführung. Kurz glaubte ich, Ähnlichkeiten mit einer Joseph-Haydn-Sinfonie zu erkennen, als LVM mit einem gemeinschaftlichen und lang anhaltenden Höhepunkt die Luft zerschnitt. Dieser majestätische Lustgipfel leitete zusammen mit der Sirene des Polizeiwagens Peter7 den Schlussakkord ein.
Alle Musiker verstummten synchron.

Ruhe!
Mein Fuß wippte noch immer im Takt der bereits verstummten Melodie.

Dann wurde der Zuhörer tatsächlich mit dem berühmten Paukenschlag überrascht. Es handelte sich vielmehr um einen lauten Akkord, verursacht vom innerlich noch aufgewühlten Bewohner über mir. ÜM1 warf die verdammt teure und leistungsstarke High-End-Stereoanlage von RÜM1 auf die Straße. Dieser laute Knall stand zu den vorangegangenen Takten in einem markanten Kontrast und bescherte mir eine starke Gänsehaut. Mir stockte der Atem.

Vor dem Haus brach ein tosender und nicht enden wollender Applaus los. In der Zwischenzeit hatten sich dort etwa 600 Zuhörer und die komplette internationale Presse versammelt. Trotzdem es draußen zu ersten 'Zugabe'-Rufen kam, wurde das Publikum vom Bundesgrenzschutz mit mehreren Wasserwerfern auseinander getrieben. Und das war das Finale.

--
Foto: Gerd Altmann

Ganz nett, etwas zu lang und

Ganz nett, etwas zu lang und auch unsauber geschrieben. Hier beschreibt der personale Erzähler z. B.: Es handelte sich vielmehr um einen lauten Akkord, verursacht vom innerlich noch aufgewühlten Bewohner über mir. Woher will der Erzähler denn wissen, wie es dem Nachbarn innerlich geht?

Eine schönes Chaos haben

Eine schönes Chaos haben Sie da wieder angerichtet, Herr Schwedler ... Josef Haydn!? Nö, eher DEAD KENNEDYS! Weiter so bitte!