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Viva la revolución!
Man glaubt nicht, was mir im normalen Leben so passiert. Der ein oder andere wird es vielleicht nicht wissen, ich bin hauptberuflich Drogendealer (hauptsächlich Kaffee und Alkohol) und Lesungsveranstalter. Trotzdem muss ich mich mit dem wahren Leben herumschlagen. Das beinhaltet Nachbarn.
Letztens kam mein Nachbar aggressiv auf mich zu und behauptete ich würde mit System Parkplätze vernichten. Ich begann mich prompt zu rechtfertigen, dass wir hier vor der Bar nur im Sommer Parkplätze vernichteten und dass es für einen guten Zweck sei, wegen der Literatur und...- als er mich unterbrach und anherrschte, dass ich meine Fahrräder extra vor unser Haus stellen würde, damit er sein Fahrrad dort nicht abstellen könnte. Aha. Auf meine höfliche Nachfrage ob er wohl zu heiß gebadet habe heute morgen, explodierte er.
Er sei im Verband der radikalisierten Radfahrer VDR und werde es nicht kampflos hinnehmen, dass ich ihn weiterhin unterdrücke. Er wisse ja, dass ich ein radikaler Autofahrer sei.
Mir fehlten die Worte. Ein Fahrradnazi. Getreu meinem Motto “Den Nazis keinen Raum“, löste ich dieses Problem elegant und haute ihm ordentlich auf die Schnauze.
Selbstverständlich bin ich mir darüber bewusst, dass ich damit nur einen kleinen Schritt zur Lösung des Problems getan habe. Gibt es doch nicht nur meinen Nachbarn, der solche Tendenzen zeigt. Selbst unsere Briefträgerin, offensichtlich eine Kampflesbe, beherrscht mit ihrem übergroßen Postfahrrad den Gehsteig. Natürlich traut sich niemand, sie darauf hinzuweisen, dass der Gehsteig ja eventuell auch von Fußgängern benutzt werden können sollte - ich werde dem Problem wohl nur mit einer Nagelreihe Herr werden können. Diskutieren kann man mit dem gewöhnlichen Fahrradhooligan wohl nicht.
Auch die blondierte Möchtegern-Gina-Wild-Postfrau aus dem Nachbarviertel zeigt ähnliche Verhaltensweisen. Posträder beinhalten anscheinend einen Territorialanspruch, die mir als Fußgänger, dem eigentlich die Vorherrschaft über den Bürgersteig zusteht, keinen Platz mehr lassen. Genauso die wunderlich gekleideten Kurierfahrer, denen ihre penisbetonten Hosen selbst so peinlich sind, dass sie in einem Affenzahn auf dem Gehweg an mir vorbeirasen müssen. Dabei haben die Fahrradkuriere doch ein großes Erbe angetreten. Die französischen und italienischen Widerstandsbewegungen mussten im Zweiten Weltkrieg per Fahrrad Versorgungsgüter und Kämpfer bewegen, hatten die Nazis doch alle Autos konfisziert.
Dieses Erbe treten die heutigen Kuriere mit Füßen, sind sie doch ein wichtiger Teil einer Bewegung, die beim Versuch, sich im Straßenverkehr zu behaupten, nicht gegen die stärkeren Autofahrer kämpft, sondern gegen die noch schwächeren Fußgänger. Eine andere Begründung, warum immer mehr und mehr Radfahrer auf den Gehweg ausweichen kann ich mir nicht vorstellen. Ihre Stärke auf dem Gehweg ist aber ihre Schwäche auf dem Radweg.
Dieser Weg, im realen Leben lediglich durch eine Linie vom Tummelplatz der Autos getrennt, scheint in ihrer Welt von hohen Mauern umgeben zu sein, so dass sie völlig konsterniert aus allen Wolken fallen, wenn einmal ein Autofahrer beim ausparken oder abbiegen die Grenzen zu ihrem Reich überschreitet. Das werten sie sofort als Kriegserklärung und schlagen zurück. Am liebsten würden Sie den Autofahrer festnehmen und wochenlang bei Wasser und Brot halten, wie das im Iran mit Hochseeanglern üblich ist, aus Zeitgründen geben sie sich aber meist mit einem gezielten Tritt in die Tür oder an den Kotflügel zufrieden und flitzen wild schimpfend weiter. Immer sehr genau die Geschwindigkeit haltend, in der die derben Schimpfworte den Empfänger noch erreichen, eine Verfolgung aber aussichtslos wäre.
Manchmal geht das sture Beharren auf ihre Vorfahrt aber auch nach hinten los und sie werden umgefahren. Meiner Ansicht nach ist das völlig in Ordnung und erzieherisch notwendig, leider passiert es noch viel zu selten. Aber das wird sich demnächst vielleicht ändern. Ich habe schon die ersten Autofahrer bemerkt, die sich erinnern, dass sie, wenn sie aussteigen, wieder Fußgänger sind und die Geduld mit den Fahrradhooligans verloren haben. Die ersten Kerben in den Stoßstangen tauchen auf- eine für jeden Radfahrer, den sie umgefahren haben.
Den ganz Radikalen reicht einfaches Umfahren schon nicht mehr und es werden Extras eingebaut wie Rasierklingen in der Stoßstange und Variabel ausfahrbare Stöcke, die sich seitlich in die Speichen schieben und ästhetisch sehr schön anzusehende Salti hervorrufen. Wir dürfen gespannt sein, ob sich das Verhalten der Radfahrer verändert so lange es noch welche gibt.
Mit meinem Nachbarn habe ich schon einmal angefangen. Mein Freund Viktor hat mir ein paar Telefonnummern von Kiezkumpels gegeben und ich habe das Problem delegiert. Jetzt lebt mein Nachbar auf der Straße und schiebt sein Fahrrad einhändig durch die Stadt. Voll gepackt mit Plastiktüten immer auf der Suche nach einem neuen Schlafplatz. Und er ist erst der Anfang.
Davon träume ich schon lange. Woher hast du es...
Ich finde dich so romantisch - möchtest du mal...
;D weiter so...
Danke für diesen wunderbaren Artikel - auch ich bin...
... aber erst, nachdem sie von ihm gelernt hat,...
Ja, das mit dem Kloschaum ist so eine Sache....
Aber gerade von Michael Ballack könnten Sie das Nachtreten...