sucht zur Ergänzung des Teams Autorinnen und Autoren. Verwenden Sie bei Interesse bitte das Kontaktformular und lassen Sie uns am besten gleich eine Textprobe zukommen!
Viva la revolución!
Mein Name ist eigentlich Manfred Möhrensack, Sachbearbeiter von Beruf, und es war vor dreieinhalb Jahren, als die Unergründlichkeit der Existenz sich mir zeigte.
An einem Montagmorgen. Das einzige, was ungewöhnlich war: Trotzdem ich seit dem Aufwachen schon zwei mal onaniert hatte, war ich immer noch geil wie ein versehentlich mit Viagra vollgefressener Kater, und dachte die ganze Zeit
an Titten und Weiberärsche. Und ich musste unaufhörlich grinsen wie ein chinesischer Boxer. Vielleicht war irgendetwas mit dem Leitungswasser nicht in Ordnung, dachte ich, mit dem ich meinen Kaffee aufgegossen hatte. Als ich die Wohnung verließ, um zum Getränkemarkt zu gehen, begegnete mir meine Nachbarin Frau Tröpplmeier unten am Eingang. Sie grüßte mich flüchtig mit den Augen, dann erstarrte sie, als hätte sie sich spontan in Aluminium verwandelt, aber nur für eine Sekunde, gleich darauf eilte sie schnell weiter und verschwand.
Auf der Straße starrten mich ständig die Leute an, vor allem junge Mädchen bis höchstens zwanzig. Einige sprachen mich auch an, mit unterschiedlichen Anliegen: Sie wollten ein Autogramm haben, ein Foto mit uns beiden drauf oder ein Kind von mir. Ich zog mich taktisch klug in meine Wohnung zurück. Zu groß erschien mir die Gefahr, in wenigen Minuten mehr Kinder zu zeugen als ich ernähren konnte. In meiner Hose war pure Unruhe.
Ein Autogramm von mir! Ich war über vierzig und niemals zuvor hatte es andere Menschen interessiert, ob ich überhaupt existierte. Nichts desto trotz hatte ich alle Autogrammwünsche befriedigt und dasselbe würde ich gleich noch mal mit mir selber tun.
Mein Anrufbeantworter blinkte, jemand hatte in der Zwischenzeit angerufen.
„Hallo - wir vermissen dich seit einer halben Stunde im Studio. Wo steckst du? Ruf wenigstens an!“, sagte eine Frauenstimme und nannte eine Durchwahl.
Gleich darauf klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich betätigte die Sprechanlage. Es war Lydia, meine Freundin. „Hi“, sagte sie. „Ich dachte, ich schau mal auf einen Sprung bei dir vorbei!“
Das klang nach Sex. Als ich öffnete, zerriss es mir fast die Schwellkörper. Lydia lächelte erst, erstarrte dann und begann zu stottern: „Entschuldigung, ich... ich wusste nicht? Wohnt hier nicht... ich gehe gleich wieder!“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und war schneller verschwunden, als ein Nervenimpuls von meinem Gehirn zu den Stimmbändern brauchte.
Was war los? Hatte ich die falschen Erdnüsse gegessen und jetzt einen riesigen, ekligen Pickel auf Stirn? Waren mir Antennen gewachsen? Ich ging ins Bad vor den Spiegel, um mich zu überprüfen: nichts. Ich sah so aus wie gestern und letzte Woche und all die Wochen zuvor. Dann ließ ich so lange das Telefon bei Lydia klingeln, bis ich sie in der Leitung hatte. Ich sagte, ich sei’s, Manfred Möhrensack, ihr Lebenspartner. Sie sagte, sie kenne mich nicht, auch sonst keinen einzigen Manfred, und meinen Namen hätte sie noch nie zuvor gehört. Außerdem sei sie seit vierzehn Jahren mit einem Kerl verheiratet, dessen Namen nun ich noch nie gehört hatte und habe zwei Kinder mit ihm: Frank und Egbert. Andererseits, wenn ich sie heiraten wolle, brauche ich es nur zu sagen, sie würde dann die Scheidung einreichen, um Mann und Kinder für mich zu verlassen... Ich legte auf.
Nach dem Gespräch machte ich ein Handtuch nass und schlug es mir so fest ins Gesicht, wie ich konnte, aber es änderte nichts. Wissen Sie, zu diesem Zeitpunkt war ich überzeugt davon, mich in einem besonders scheußlichen Traum zu befinden und wollte nichts als aufwachen. Als das nicht klappte, begann ich damit, nach Fehlern in der Wirklichkeit zu suchen. Deshalb machte ich den Fernseher an - irgendwas musste anders sein als üblich: Hatte die deutsche Regierung einen kreativen Plan zum Abbau der Arbeitslosigkeit entwickelt? Hatten Juden und Palästinenser einen Friedensvertrag geschlossen? Hatten die Amerikaner einen vernünftigen Präsidenten gewählt? Irgendwas völlig Unmögliches in dieser Richtung. Aber alles war so, wie es gestern schon gewesen war und letzte Woche und all die Wochen zuvor: Die deutsche Regierung hatte keinerlei Plan (weder einen kreativen noch sonst einen), Palästinenser und Juden brachten sich gegenseitig wie gewohnt um und der amerikanische Präsident war ein bornierter Analphabet. Es schien die echte Welt zu sein.
Und dann fiel mir Frau Tröpplmeier ein. Sie musste irgendwas wissen! Ich beschloss bei ihr zu klingeln.
Wissen Sie, im Nachhinein betrachtet führte diese Aktivität zu einer Art Katalysierung der Situation (falls es diesen Begriff gibt) und auch zu einer zusätzlichen Krise, aber ich musste es tun. Als Frau Tröpplmeier öffnete, fragte ich geradeheraus: „Entschuldigen Sie die Störung, aber: Wer bin ich?“
„Was?“, sagte sie.
„Können Sie mir sagen, - ich weiß, das ist ungewöhnlich -, wer ich bin? Bitte!“
„Sie“, sagte die Nachbarin, „...sind Dieter Bohlen. Wer sonst?“
Es musste ein Albtraum sein.
„Sind Sie sicher?“, fragte ich.
„Aber Herr Bohlen, ich bitte Sie!“
„Danke!“, sagte ich und taumelte in meine Wohnung zurück. Ich kramte meine Papiere raus, Personalausweis, Führerschein, Geburtsurkunde, alles was ich finden konnte. Mein Name war überall gleich: Dieter Bohlen. Dann klingelte das Telefon und dran war Naddel, - ob ich Lust hätte, mit ihr zu Mittag zu essen? Wir könnten miteinander den nächsten Skandal planen für die Schlagzeilen der BILDZEITUNG und danach ein bisschen ficken.
Ich sagte, ich würde zurückrufen, und fuhr zu mir ins Büro, obwohl ich Urlaub hatte. Jetzt brauchte ich Gewissheit.
Verstehen Sie: Ich und Dieter Bohlen! Lachhaft!
Als Schüler war im Fach Musik meine Bestnote eine Vier gewesen, und wenn ich im Bad zu trällern beginne, geraten die Silberfischchen in Panik und versuchen verzweifelt in alle Richtungen zu entkommen. In der kurzen Phase meines Lebens, in der ich Gitarrenunterricht genommen hatte, um Rockstar zu werden, hatte ich die Nervensysteme von drei verschiedenen Gitarrenlehrern lädiert (einer von ihnen hatte nach mir sogar ganz damit aufgehört, Gitarrenstunden zu geben). Deshalb hatte ich die mittlere Reife gemacht und war Sachbearbeiter bei einer Versicherung geworden. Mein Leben war ungefähr so ereignisreich wie das eines Kanarienvogels in Käfighaltung (mit dem Unterschied, dass ich nicht singen kann).
Mein Büro im Gebäude der besagten Versicherung war von einem fremden Kerl besetzt; der Name Manfred Möhrensack war übrigens niemandem ein Begriff, dafür wollten die meisten ein Autogramm von mir. Jetzt fiel mir auf, dass ich beim Unterschreiben automatisch „D Punkt Bohlen“ machte. Ich fuhr heim und rief bei meinen Eltern an, die mir bestätigten, dass ich ihr kleiner Dieter sei, und ich solle mich doch mal wieder blicken lassen.
Schon wieder klingelte es an der Wohnungstür. Draußen war ein junger Typ „vom Studio“, um mich abzuholen.
„Studio?“, fragte ich.
„Klar, Studio. Nasse Nacht gehabt, Mann, oder? Aber das Studio kostet 14.000 pro Tag - bis Ende der Woche muss das Album fertig sein.“
„Das Album? Aber das kann doch nicht sein, ich kann weder texten noch komponieren - und singen schon gleich gar nicht!“
„Das wissen wir“, sagte der Typ. „Aber wen stört das schon? Die Zeiten von Pink Floyd sind vorbei! Und jetzt kommen Sie! Die Hauptsache ist, dass die Leute Ihr Zeug lieben. Und sie lieben es, Mann. Sie werden mit Mozart verglichen! Und niemand widerspricht!“
„Wissen Sie, gestern war ich noch nicht Dieter Bohlen“, sagte ich leise, aber längst schon war ich mir nicht mehr sicher, dass das auch stimmte.
Der Tag im Studio war nicht schlecht, und allmählich sickerten die erfreulichen Aspekte der Lage in meinen Kopf: Ohne jegliches Talent war ich ein Star und verdiente 20 mal so viel Schotter als bisher mit einem Zehntel der Anstrengung, während ich mich in den Pausen durch Heerscharen von Teenie-Groupies fickte, die vor dem Studio warteten.
Und immer wieder fiel mein Blick auf die BILDZEITUNG, mein Bild auf Seite eins ... so wie ich aussah ... und ausgesehen hatte, gestern und letzte Woche ... und all die Wochen zuvor.
.
Flott und amüsant
Flott und amüsant geschrieben, eher Humor als Satire.
Die persönliche Verwandlung in Abhängigkeit von der (Welt-)Politik zu sehen ist eine schöne Idee - wer opfert sich, „Dieter“ zu werden, wenn dadurch sonst alles ins Lot gebracht wird (wieviele Dieters müssen dafür entstehen?)
Thankuverymutsch für deinen
Thankuverymutsch für deinen Kommentar. Ich hab zwar wie immer kein Wort verstanden, aber daran gewöhnt man sich bekanntlich ... ;-)
Eine schöne Geschichte! Ein
Eine schöne Geschichte!
Ein wenig hat mich gestört, dass du deinen Prot am anfang mit einem gigantischen Sextrieb ausgestattet hast, der für den nötigen Startschwung in der Geschichte sorgt, dann aber nicht weiter draufeingegangen bist(bis auf die Stelle, wo er sich durch die Groupiemenge fickt).
Ein echter Albtraum, dagegen
Ein echter Albtraum, dagegen ist die Vorstellung, mit Dirk Bach zwangsverheiratet zu werden noch vergleichsweise himmlisch ... und die Albtraumlogik der Story ist auch leicht kafkaesk. Nur, was ist schlimmer? Käfer oder "B."?!
Und worin besteht deiner
Und worin besteht deiner Meinung nach der Unterschied zwischen Dieter Bohlen und einem Mistkäfer?
Der Unterschied besteht in
Der Unterschied besteht in der Intelligenz. Es wird wissenschaftlich untersucht, auf welchen Wegen Hr. Bohlen den evolutionären Rückstand zum Mistkäfer aufholen könnte. Wir berichten weiter darüber.
Aha -- aber Dieter Bohlen
Aha -- aber Dieter Bohlen verdient "20 mal mehr Schotter" als Du -- ist das nun ein Zeichen von mangelhafter Intelligenz? Wenn die Logik stimmt, will ich mir gerne von Euch mein Hirn zermatschen lassen, um schliesslich auf seinem Niveau anzukommen (dachte immer, ich dürfte ja nicht weit weg davon sein ...)
Wenn die Logik stimmt und
Wenn die Logik stimmt und man sich auf das durchaus reizvolle Niveau der polemischen Milchmädchenmathematik begeben möchte, würde ich einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Einkommen des Herrn B. und dem Konsumverhalten jener Zielgruppe konstruieren, auf deren intellektuelle Fähigkeiten die Qualitätsformate seines Heimatsenders zielen.
Schön formuliert. Aber
Schön formuliert. Aber Kinders, streitet nicht. Bohlens Intelligenz der eines Mistkäfers unterzustellen, ist polemisch, und Polemik ist satirisch. Nur ist Bohlens Intelligenz nicht das mistkäferartige. Mistkäferartig ist er menschlich und künstlerisch.
Ihr Spackköpfe! Dieter
Ihr Spackköpfe! Dieter Bohlen ist ein GOTT und ihr eine Nichts!
Richtig heißt es: Ein
Richtig heißt es: Ein Nichts.
Und du bist weibliches
Und du bist weibliches Nichts und weiblich ist: eine!
Schon wieder falsch. Nichts
Schon wieder falsch. Nichts ist ein Neutrum, und den Pluralis Majestatis (den ich nicht gleich als solchen erkannt habe) schreibt man groß.
Nicht aufregen, ist doch
Nicht aufregen, ist doch alles ganz natürlich. SPY ist eben ein kleiner Mistkäfer, und für kleine Mistkäfer ist ein großer Mistkäfer wie Dieter dann zwangsläufig ein GOTT.
Spackköpfe! Dieter hören
Spackköpfe! Dieter hören viele an und alle jubeln ihm zu! Das ist ein Zeichen!
Alle jubeln ihm zu!? Jou,
Alle jubeln ihm zu!? Jou, das traf auch auf Mussolini und Hitler zu, nebenbei bemerkt ...
Das wollen wir doch mal
Das wollen wir doch mal nicht hoffen, dass das ein Zeichen ist. Auf Anhieb fallen einem ja durchaus noch ein paar andere unangenehme Figuren ein, auf die die Definition "viele hören ihn an, und alle jubeln ihm zu" zutrifft. Mistkäfer bewahre!