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Viva la revolución!
Neulich stieß ich im Supermarkt auf einen Menschenauflauf. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, denn im Supermarkt tummelt sich immer aufdringliches Gesocks an bunt bewimpelten Ständen und will einem unbedingt badische Landweine "auch mal probiern junge Frau" für umsonst andrehen. Manchmal auch Sojamilch. Oder Brothäppchen mit knorpeliger Mettwurst. Einmal wurde mir sogar ein Kaltwachsstreifen "jetzt ganz neu schmerzlose Haarentfernung mü¬ssense unbedingt probiern junge Frau" auf den Arm gepappt, und ritschratsch war ich zwangsenthaart, obwohl ich nicht zu diesem Zwecke in den Supermarkt gegangen war, weswegen ich auch so laut ich konnte "AUA!!!" durch den Laden kreischte.
Der böse Spuk der Kaltwachsstreifenenthaarungs¬überfälle im Supermarkt fand dadurch ein abruptes Ende, was die Damenwelt einzig und allein mir und meinem engagierten Kreischen zu verdanken hat, wie ich hier am Rande einmal bescheiden bemerken möchte.
Doch erwarte ich, Realist, der ich bin, mitnichten Wagenladungen der mir zustehenden Dankesgaben in Form von Bierkisten, Pralinenschachteln und kostbarem Geschmeide. Viele Mitmenschen haben keine natü¬rlichen Abwehrreflexe gegen Gesocks, das einem Haare abreißt und Metthäppchen in den Mund stopft, wenn man grad nicht aufpasst, und sie gebärden sich kein bisschen dankbar, wenn man sie vor derlei Konsumzwang zu bewahren sucht. Ganz im Gegenteil. Um Metthäppchen- und Badischer-Landwein-Buden in Supermärkten drängeln sich nicht selten ganze Heerscharen von Konsumenten, grabschen nach dem feilgebotenen Umsonstmett und wecken schaurige Erinnerungen an die fiesen "Feed-the-world"-Musikvideos aus den Achtzigerjahren, Sie wissen schon, wo dann immer Pakete von LKWs geworfen werden und dankbare Negerkinder sich weißen Pamps um die Schn¬ütchen schmieren und mit dankbaren Augen in die Kamera blicken.
An ein solches Feed-the-Konsumworld-Geschehen dachte ich auch gleich, als ich neulich auf den eingangs erwähnten Menschenauflauf im Supermarkt stieß, doch war etwas ganz anderes im Schwange, man bestaunte nämlich die Butter. Oder besser gesagt den Preis auf der Butter. Im Fernsehen und in der Zeitung war schon tagelang vorher eine Erhöhung der Butterpreise im Tonfall einer nationalen Bedrohungslage angek¬ündigt worden, und nun war sie eingetroffen und wurde vom versammelten Volke ehrf¬ürchtig bestaunt.
"Kumma die Butter hamse wirklich teurer gemacht!" "Einsneunzehn! Letztens hattse noch neunensiebzig Pfennig gekostet! Freitag noch! Freitag war se noch neunensiebzig Pfennig!" "Hömma von neunensiebzig auf einsneunzehn! Dat sind vierzig Pfennig! Vierzig Pfennig!" "Überleg ma vierzig Pfennig! In D-Mark sind dat achtzig Pfennig, dat is fast ne Mark!"
So raunte und murrte es von allen Seiten, bis ein in Brusthaar und Badelatschen gewandeter revolutionärer Geist den aufrü¬hrerischen Ausruf tat: "Aber die Scheißpolitiker tun sich wieder die Diäten erhöhn mit uns könnses ja machen!"
Beifall und Zuspruch brandeten auf, und ich ging eingeschü¬chtert Margarine kaufen und las anderntags in der Zeitung, dass an der Butterpreiserhöhung nicht die Politiker schuld seien, sondern die Chinesen. Eigentlich hätte ich mir das ja denken können. Die Chinesen sind immer an allem schuld, an allem sind immer die Chinesen schuld, darauf kann man sich verlassen, das gibt einem ein gutes Gefü¬hl in dieser unsicheren, modernen Welt. Schon Effi Briest lief in ihr Unglü¬ck, weil ein Chinese immerzu mit dem Kopf wackelte, das kann jeder nachlesen und interpretieren und mir dann Bescheid sagen, ich habe das mit dem Chinesen nämlich nie so ganz verstanden, auch in der Verfilmung nicht.
Während sich mir die Intention des Chinesenthemas in Effi Briest also nie so recht erschlossen hat, weiß ich mit allerlei unn¬ützem Wissen zu prunken und meine Umwelt zu beeindrucken. So habe ich manch geselliger Runde zu der Kenntnis verholfen, dass der Norwegische Lundehund ¬über sieben Krallen an jeder Pfote verf¬ügt, eine Information, die mir eigenartigerweise nie die gebü¬hrende Bewunderung eintrug. Ich werde meine Mitmenschen, so wie auch Effi Briest, wohl nie so ganz verstehen. Was ich auch nicht verstehe, ist, warum bei uns die Butterpreiserhöhung mit der gestiegenen Nachfrage nach Milchprodukten auf dem chinesischen Markt begrü¬ndet wird. Neben meinem profunden Wissen ¬über die physischen Besonderheiten des Norwegischen Lundehundes (der ¬übrigens auch noch Schwimmhäute zwischen den Zehen hat, die Ohrmuscheln seitlich anklappen und den Kopf um neunzig Grad nach hinten biegen kann) habe ich auch die Information gespeichert, dass Chinesen keinen Käse verdauen können.
Das kann ich sehr gut nachvollziehen, denn ich muss von Sahne immer brechen, die ja auch ein Milchprodukt ist, und ich leide die Chinesenqualen mit, die diese nach dem Genuss von Tilsiter und Harzer Roller leiden mü¬ssen. Wozu um alles in der Welt steigt also mit einem Mal die chinesische Nachfrage nach europäischen Milchprodukten und macht bei uns die Butter teurer?
Ich unterbrach sogleich meine Studien über das Mysterium Norwegischer Lundehund, um diesem Rätsel auf die Schliche zu kommen, und mir fällt nur eine Erklärung ein, die sogleich eine Welle der Empörung unter den Gerechten dieser Welt auslösen und Amnesty International auf den Plan rufen sollte: Staatliche Folter!
Obgleich mich sportliche Großveranstaltungen nie sonderlich interessiert haben, konnte ich nicht umhin zu registrieren, dass demnächst wieder irgendsoein olympischer Mumpitz stattfindet, und zwar in Peking, also mittendrin in China. Und nun macht man sich in Peking Sorgen, und zwar nicht um die Verdauungsprobleme der Staatsb¬ürger, sondern ums Image. Der gemeine Westeuropäer neigt dazu, ziemlich viel Gedöns um die Menschenrechte zu machen und mit blauen Helmchen dort herumzutollen, wo zuvor mit smarten Bomben und viel Pathos geknechtetes Menschenrecht zur¬ckerobert wurde, vorzugsweise in
ärmlichen Ländchen, die sich dagegen ebensowenig wehren können wie gegen ihre staatsoberhäuptigen Diktatoren.
China ist nicht gar so ärmlich und wehrlos und kriegt deshalb auch keins auf die Mü¬tze, obwohl es unfeinerweise schon mal seinem rumgammelndem Studentenpack die Demoplakate aus den Händen und die Köppe von den Schultern schießt. Staatsbesuchende westeuropäische Regierungsoberhäupter lassen aber immer, beseelt vom Geist der Menschenrechtskonventionen, in jovialer Diskretion anklingen, dass sowas doch aber gar nicht nett sei.
Und da sind wir wieder bei den Butterpreisen! Die chinesische Regierung sagt sich dann vielleicht voller Sorge um ihr Image, oje oje, wie sollen wir denn jetzt Leute hinrichten und Aufstände niederschlagen, wenn die ganzen Westeuropäer hier herumturnen und immer Menschenrechte, Menschenrechte rufen, und darum kaufen sie unsere ganze Butter und unseren Käse und heuern aufdringliches Gesocks an, das in buntbewimpelten Buden in den Supermärkten herumlungert und den armen Chinesen Käsehäppchen in die Mü¬nder stopft, und wenn dann Olympia ist, dann sitzt das chinesische Volk schön brav zu Hause und kotzt sich die Seele aus dem Leib. Und wir darben derweil bei Margarinebroten!!!
Wunderschöne Schreibe hast
Wunderschöne Schreibe hast du! Hehe!