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Viva la revolución!
Bahnhof Stendal. Bevor der Zug eintraf, spürte ich ein Zucken in der rechten Arschbacke. Es ist wie bei alten Menschen und dem Wetter. Ich glaube, Vielfahrer entwickeln irgendwann so etwas wie eine Bahnfühligkeit. Die Ahnung, dass wieder eines dieser unliebsamen Bahnerlebnisse bevor steht.
Trotzdem fuhr der Zug pünktlich ein und setzte seine Reise planmäßig fort. Ich suchte mir ein lauschiges Plätzchen im Raucherabteil und wollte mir die Fahrt mit dem Buch “Populärmusik aus Vittula” verkürzen. Doch kurz bevor der Protagonist an einem schwedischen Saunawettstreit teilnahm, wurde ich durch ein Handyklingeln und den darauf folgenden Dialog unterbrochen. Es war Gürkan, wie man unschwer überhören konnte. Das war das Einzige was ich verstehen konnte. “Gürkan” und “Weißt du?”. Der Rest war türkisch und lautstark.
Ich nutzte die Lesepause, um mich im Abteil umzusehen. Bundeswehrsoldaten, Zivildienstleistende, ein Nazi, ich und Gürkan. Ich fragte mich inzwischen, ob es für “Weißt du?” überhaupt einen türkischen Begriff gibt. Warum sonst beendet ein Türke in seiner Muttersprache jeden Satz mit “Weißt du?”. Wurde der Begriff vielleicht sogar inzwischen am Bosporus eingetürkt? Quasi als grammatischer Exportschlager aus Deutschland? Und wenn ja, ist das dann eventuell das wahre Multikulti? Meine Gedanken führten mich unweigerlich immer wieder zu einer Frage. Warum hören die Besitzer meines Dönerladens in Hamburg permanent deutsche Volksmusik? Und müssen türkische Mitbewohner, die Brunner und Brunner hören, trotzdem noch einen Fragebogen zur Einbürgerung ausfüllen?
Mich von diesem Gedanken lösend, schaute ich mich wieder im Zugabteil um. Die Bundeswehrsoldaten hatten inzwischen ihre Laptops ausgepackt und verglichen ihre musikalischen Raubkopiesammlungen. Dies taten sie in einer Lautstärke, die mich Gürkan fast vergessen ließ. Dem Zivildienstleistenden konnte man seine Abneigung gegen diese Art der Musik von den Rastaspitzen ablesen und der Nazi zog verächtlich seine Hosenträger von den Schultern. Als neutraler Beobachter in meinem “Unauffälliger-Passant-Kostüm” blieb mir das Konfliktpotential nicht verborgen. Der Zivi hielt die Bundeswehrsoldaten für Arschlöcher, die Bundeswehrsoldaten hielten Gürkan für ein Arschloch, Gürkan hielt den Nazi für ein Arschloch, der Nazi hielt den Zivi für ein Arschloch und ich hielt in diesem Moment eigentlich alle für Arschlöcher. Ich wollte ja wissen, was im schwedischen Saunawettstreit passierte. Rundum ein krisengeschütteltes Abteil also.
Dann, ich konnte inzwischen das neuste Lexi & K-Paul-Album auf türkisch singen, fuhr der Zug in die Stadt der Eulenkäufer ein. In den wunderschönen Hundertwasserbahnhof in Uelzen. Umsteigen. Das Zittern meiner rechten Arschbacke erhöhte Frequenz und Intensität. Doch zwei Gleise weiter wartetet schon der ICE nach Hamburg. Auf dem Weg durch die Uelzener Bahnhofskatakomben wurde unsere elitäre Gruppe noch durch einige mürrische Montagearbeiter, einen Punk, mehrere Studenten, drei Russen und zwei Hertha BSC-Hooligans verstärkt. Dem aufmerksamen Betrachter blieben die hasserfüllten Blicke zwischen den einzelnen Frontabschnitten nicht verborgen. Nur eine Frage der Zeit, wann es zur offenen Eskalation kommen würde. Vereinzelt wurden schon harte Gegenstände in Jackentaschen ertastet und ich fühlte mich wie ein wandelnder Kollateralschaden. Meine rechte Arschbacke zitterte wie Espenlaub, aber das rettende Ufer, also der ICE “Baden-Baden”, stand in greifbarer Nähe. Schon schlängelte sich die Karawane der Multikausalität die Treppen zum Bahnsteig hoch und die Speerspitze, in Form von Gürkan, drückte den Türknopf.
Dann passierte das Unfassbare. Der ICE fuhr pünktlich. Nur halt leider ohne die Umsteiger. Ungläubig und sprachlos schauten circa 40 Leuten dem vorbeifahrenden Zug hinterher. Als erster kam Gürkan zu sich. Er schmetterte eine gewaltige türkische Schimpforgie an den Zug und drehte sich dann mit einem “Weißt du?“ zum nebenstehenden Nazi. Er wusste… und trat sofort zu. Er erwischte den Zug mit seinem Stiefel. Auch die anderen unfreiwilligen Uelzen-Touristen kamen jetzt zu sich und bekämpften die Bahn mit Verbal-Attacken und Schimpfwörterkanonaden, die ich hier lieber nicht erwähnen möchte.
Und genau in diesem Moment wurde mir die unglaubliche Macht der Deutschen Bahn bewusst. Ein vor Gewalt strotzender Mob, der kurz vor der Selbstzerfleischung stand, wurde innerhalb eines kurzen Augenblicks durch die Bahn befriedet. Statt sich gegenseitig die Scheiße aus dem Hirn zu schlagen wurde gemeinsam geraucht und über verpasste Anschlusszüge sowie gemeinsame Taxis geredet. Ein Zustand, den selbst eine tibetanische Blauhelmtruppe unter General Lama so nicht erreicht hätte.
Die Bahn als probates Mittel zur Konfliktbewältigung. Jetzt verstehe ich endlich, was mit dem Slogan “Die Bahn verbindet” wirklich gemeint war. Leider hat wohl noch niemand das Potential erkannt. Schade, denn wie friedlich könnte die Welt sein wenn zum Beispiel Kurden und Türken, Iraker und Amerikaner, Dänen und Islamisten einfach mal zusammen mit der Deutschen Bahn fahren würden. Wenn Inder und Pakistanis, Nordkoreaner und Amerikaner oder HSV- und St. Pauli-Fans gemeinsam nachts in Uelzen ihren Anschlusszug verpassen würden. Wie einfach, könnte ein Friedennobelpreisträger Mehdorn wieder Lehrer und Neukölner Hauptschüler anfreunden. Oder Amerikaner und Kubaner. Okay, den Amerikanern sollten wir lieber eine Bahncard 100 schenken, aber sie alle könnten friedlich miteinander leben, wenn sie nur mal mit der Deutschen Bahn über Uelzen nach Hamburg fahren würden.
Hör bloß auf man! Das
Hör bloß auf man! Das bewegt Herrn Mehdorn noch dazu, die Preise zu erhöhen um 30 Prozent - Solidaritätszuschlag oder so was!!
Vielleicht kann man auch
Vielleicht kann man auch wieder Dampfloks einführen, dann müssen die Fahrgäste richtig husten und können noch weniger reden...